Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Gustav Landauers Briefe [Rezension]
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 197 (sequence 4)
- Language
- German
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Gustav Landauers Briefe wenn eine genügende Anzahl Menschen ihn will." Und wie der Sozialismus, so war auch die Revolution, die ihn bringen sollte, für Landauer persönliche Tat: quer durch alle geschichtlichen Bedingungen hindurch Werk freien, unbegrenzten Menschenwillens. Darum war für ihn die marxistische Theorie mit ihrer strengen Einordnung und Unterordnung des Einzelnen unter die geschichtliche Notwendigkeit, mit ihrer Statuierung der relativen Ohnmacht des Einzelnen ein Hohn auf die Revolution, die ihm allein „aus dem Geist und der Wahrheit" kommen konnte. Mitten im Brausen der Revolution, als schon der marxistische Gedanke mit seinem Gefolge der Gewaltpolitik mächtig auflohte, hielt er an seinem rein menschlichen und nur mit den reinsten Miltein zu verwirklichenden Ziel als Einziger fest. In diesem Sinne hat er sein Leben eingesetzt in das Geschehen seiner Zeit. Es erscheint uns heute als eine Notwendigkeit, daß seine Revolution scheitern mußte. Denn Landauers Tat war wie die jedes echten Revolutionärs ein großes Trotzdem. Revolution ist immer Wagnis, Einsatz des eigenen Daseins in das Ungewisse. Revolutionen scheitern darum immer, denn die Wirklichkeit sieht immer anders aus als die Idee. Aber das beweist nicht, daß sie vergeblich sind. Es gibt keinen Propheten, keinen Künder, keinen Täter aus der Idee, der nicht in irgendeiner Form an der Wirklichkeit gescheitert wäre — aber es gibt auch keinen, der nicht die Wirklichkeit um ein Stück weiter gebracht hätte. Vielleicht lag in dem Wort Landauers: „Nichts, nichts in der Welt hat so unwiderstehliche Gewalt der Eroberung wie das Gute", politisch gesehen, sein großer Irrtum; aber menschlich gesehen, lag darin seine tiefste Wahrheit. Und wenn wir auf diese Briefe sehen, so scheint uns die menschliche Wahrheit die wahrere. Und nichts wäre falscher, als Landauer um dieser Überzeugung willen einen wirklichkeitsfremden Träumer und Optimisten zu nennen. Kein Mensch seiner Zeit hat die Wirklichkeit so klar und so düster gesehen wie er. Er, und er ganz allein, erkannte sich zwischen Scylla und Charybdis; auf der einen Seite sah er, wie er sie von je gesehen hatte, die vollkommen unhaltbaren und nun offenbar gewordenen Zustände des gegenwärtigen Systems; auf der anderen Seite sah er, was kommen mußte, wenn die Welt sich dem großen russischen Experiment ergab. Er fürchtete beides gleich sehr; er bejahte und wollte mit der ganzen Kraft seines Wesens ein Drittes: eben jene Revolution aus dem Geist und der Wahrheit, aus dem Wissen um ein reineres und besseres Leben, von der er wußte, daß ihre Verwirklichung auf Messers Schneide stand. Er hat nicht aus dem Glauben, sondern aus der Verzweiflung heraus gehandelt; aber diese "Verzweiflung war — ewiges Wunder jedes großen jüdischen Menschen — zugleich eine unerschütterbare Hoffnung. Es war die Hoffnung auf die Kraft der Idee, die in ihm lebte. Und wenn er so aus einer mächtigen lebendigen Seele heraus die eiserne Macht der historischen Notwendigkeiten verkannte oder sich über sie hinwegzusetzen strebte, so glaubte er vielleicht nicht so sehr an die Möglichkeit einer Realisierung seiner Idee, wie er sie sich unmittelbar auferlegt fühlte. 197