Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 195

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Gustav Landauers Briefe [Rezension]
Date
1929-06-01
Page
195 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899739--03601-2899857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Margarete Susman: Gustav Landauers Briefe große Geheimnis von Landauers tiefer Sicherheit: Er besaß noch die Wurzelung in einer Welt. Sein Dasein wurzelt noch in einer vollen, lebendigen Kultur, die er inmitten ihres Verfalles mit einer inbrünstigen Kraft in sich selbst gerettet und bewahrt und zu einem vollen Leben entfaltet hat. Die Formen wie die Inhalte der Kultur, aus der er sich nährte, waren ihm heilig; er ergriff sie von der realen Grundlage, auf der sie ruhten, abgesondert und unverletzt. In bezug auf die Berechtigung der Kulturwerte für den Aufbau des Lebens — in diesem Punkt, wo alle unsere schwersten lsnd dunkelsten Probleme aufspringen, gab es für den großen Revolutionär keine Frage. Sein ganzes revolutionäres Denken und Tun wurzelte gerade in einer Schicht, die uns heutigen Menschen als Lebensgrund fragwürdig geworden ist: im Geist. Der Geist war das Erdreich dieses großen Baumes, aus dem er alle Kräfte für sein Werk und Leben sog, aus dem er seine herrliche, breitschattende Krone über das Leben zu seinen Füßen entfaltete. Diese tiefe und echte Wurzelung seines persönlichen Daseins — echt, weil er bei aller Weite seines Umkreises die Kräfte des Erdreichs, das ihn speiste, durchaus zu den seinen, zu lebendiger Blüte und Frucht eben dieses Daseins wandelte — gibt ihm jene leidenschaftliche Unbeirrbarkeit der Existenz und Überzeugung, die aus jedem seiner Worte spricht. Durch seine unmittelbare und von ihm nie bezweifelte Stellung zu Geist und Idee sind ihm alle Konflikte und Probleme einer zerbrechenden Kultur, die sich der europäischen Menschheit seither immer gewaltsamer aufgedrängt haben, erspart geblieben. Er ist nie durch den grausamen — in entgegengesetzter Weise gelösten — Konflikt Tolstois und Nietzsches zwischen Menschentum und Schöpfertum gegangen; Menschentum und Schöpfertum waren und blieben in ihm eins. Darum war auch zwischen Eros und Agape, die bei seinem unendlich problematischeren Vorbild Tolstoi in einem Riß auseinanderklafften, der bis in die untersten Tiefen der Welt ging, für Landauer keine Trennung; wie sie in ihm, dem großen Liebenden, eine ursprüngliche Einheit bildeten, so blieben sie auch in seinem rein und blühend gestalteten Leben immer eins. So bieten, im Gegensatz zu allen schmerzhaften Zerrungen und Verkrampfungen persönlicher Beziehungen, die wir aus dem Leben auf überpersönliche Ziele gerichteter moderner Menschen kennen, diese Briefe eines radikal revolutionären Menschen das erstaunliche und wunderbare Bild eines im wahrsten Sinne schönen Lebens, das heißt eines Lebens, dessen allerpersönlichstes Erleben nie, an keinem Punkt mit seinem überpersönlichen Ziel in Konflikt gerät. Und das nicht darum, weil er die einzelnen menschlichen Beziehungen eingeschränkt, verkürzt, beschnitten hätte, sondern im Gegenteil gerade darum, weil er sie alle aus ihrem persönlichsten Lebenspunkt voll und reich bis ins Überpersönliche hinein entfaltete. Nie hat eine noch so leidenschaftliche persönliche Beziehung ihn von seinem überpersönlichen Wege abgelenkt; niemals aber auch hat sein Wille zum Überpersönlichen eine wirklich lebendige persönliche Beziehung untergraben. Jedes persönliche Leben, jeder persönliche Wert, der ihrn bebegegnete, trat vielmehr sofort rein und unmittelbar in den Dienst an der Idee, t95

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.