Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 192 (sequence 20)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger deutendsten deutschen Assyriologen, berichtet werden, die vor kurzem unter dem Titel „Die EigeribegriffHchkeit der babylonischen Welt" in der Zeitschrift Islamica, Bd. II, S. 355 ff., 1926, veröffentlicht wurden. Die altorientalische Kulturwelt bedarf einer Erklärung aus sich selbst heraus, nicht als „Vorstufe" einer nur in der Vorstellung des Betrachters „gültigen" Kultur. Dieser Grundgedanke Landsbergers wird in die Frage eingekleidet: Wie weit ist es mit Hilfe der Philologie möglich, eine alte fremde Kultur ohne die Stütze einer bis auf den heutigen Tag fortdauernden Tradition lebendig und treu wiederherzustellen? Landsberger zeigt bei Beantwortung dieser Frage anschaulich, zu welchen Irrtümern die Betrachtungsweise einer Kultur wie der babylonischen als einer Vorstufe eines uns gelaufigen komplizierten Gebildes führen muß. Einen wohl durchforschten Stoff gegenüber mag nach Landsberger diese Art der geistesgeschichtlichen Betrachtungsweise angehen, als Forschungsprinzip einem unbekannten Stoff gegenüber muß sie unser Blickfeld einengen, weil sie eben „den Entwicklungsbegriff, dessen Erklärung erst durch unsere Arbeit zu erzielen ist, trotz seiner Verschwommenheit voraussetzt". Man dürfe also Babylonien und Ägypten nicht als unsere geistigen Väter oder als die Vertreter des Typus einer sogenannten Halbkultur ansehen. Die humanistische Betrachtung eines alten babylonischen oder ägyptischen Textes — und genau so eines Textes aus dem Alten Testament — zum Zwecke des tieferen Verständnisses des eigenen Lebens und der Gegenwart führt also direkt ins Finstere und verhindert gerade das Verständnis des Fremden. Landsberger wendet seine Theorie zunächst im Gebiet der semitischen Sprachwissenschaft mit Glück an. „Auf der ersten Stufe des Verständnisses für eine fremde Kultur können wir die Gedankenelemente nur durch, eine Menge einfacher Gleichungen ausdrücken, die sich in Grammatik und Lexikon zusammengestellt finden, z. B. Endung: -um Nominativ-Singular, Wurzel halak „gehen". Aber solche Vollgleichungen sind nur in beschränktem Maße möglich, meist müssen wir uns mit Teilgleichungen begnügen von der Art: ein Teil des babylonischen Begriffes x deckt sich mit einem Teil des deutschen Begriffes y." „Wenn wir wirklich verstehen wollen, so müssen wir die Eigenbegrifflichkeit einer Kultur aufsuchen." Also: Das Imperfekt in einer Sprache, der Polytheismus in der Religion oder die Kaufehe in einem Rechtssystem sind Typen, welche die vergleichende Kulturwissenschaft aufstellt. Aber sie genügen nicht für das Auffinden des Eigenbegrifflichen. „Weder ärmlich-rationale Zurechtmachung des Philologen noch seichte Typologie des Kulturvergleichers, der mit einem ab- 192