Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 189 (sequence 17)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament elend mißhandelt und verbraucht Die von diesem Verfasser bereits in literarischer Bearbeitung vorgefundenen Stoffe, Gesänge, Erzählungen, Annalen, Listen und Urkunden liegen zeitlich weiter zurück. Die Sicherheit, mit der manche Vertreter des Alten Testaments diese älteren Stücke datieren und aufteilen, steht in einem starken Mißverhältnis zu dem Mangel an sprachgeschichtlichen und stilkritischen Einzeluntersuchungen wie sie etwa vorliegt in der Arbeit von Arno Kropat aus dem Jahr 1909 über „Die Syntax des Autors der Chronik, verglichen mit der seiner Quellen, ein Beitrag zur historischen Syntax des Hebräischen". Erkennung gemeinsamen zusammengehörigen Sprachgutes und eigentümlichen Sprachgebrauches, nach den grammatikalischen Formen, nacfe der Syntax und dem Stile muß erst unter Zuhilfenahme der erprobten Mittel der indogermanischen Sprachwissenschaft ermöglicht werden, ehe so sichere Behauptungen aufgestellt werden dürfen. Der sprachgeschichtlichen Betrachtung steht entgegen, daß Schreiber und Punktatoren (Naqdanim) bis zum 7. Jahrhundert nach Chr. den Texten verschiedenster Epochen der Sprachentwicklung innerhalb des Alten Testaments die uniforme Gestalt der synagogalen Aussprache und Lesart ihrer höchst unkritischen Zeit aufgedruckt und die Spuren der grundverschiedenen Herkunft und Entstehungszeit absichtlich ausgetilgt haben. Die gleiche Neigung zur Uniformierung des Textes ist ja bei der Geschichte des Kanons des Neuen Testaments und des Koran zu beobachten. Ob diese Schwierigkeiten beim Alten Testament überwunden werden können und ob ein vormassoretiscber Text oder wenigstens ausreichende Teile davon für derartige sprachhistorische Unterscheidungen, die bei den ausgesprochen nachexilischen und mit Aramäismen durchsetzten Partien des Alten Testaments schon heute nicht zu schwer durchzuführen sind, künftig allgemein, besonders auch für die Geschichtsbücher und die Propheten zu rekonstruieren sein wird, ist die Frage. Es muß einer besonderen Untersuchung (hier in einem gemeinversländlicheni Schlußkapitel oder in einer Fachzeitschrift) vorbehalten werden, die Versuche und Methoden der letzten drei grundlegenden Publikationen des Bonner Semitisten Paul Kahle auf ihre Tauglichkeit zu dieser Rekonstruktion zu beurteilen, und das Problem noch einmal zu formulieren, das in der Frage gipfelt: Können Spuren einer Textbewegung vor der Vereinerleiung des Konsonantentextes und vor. der Festlegung der Aussprache durch eine komplizierte Punktation noch erkannt, angeordnet und für die Gewinnung eines vormassoretisehen Textes gebraucht werden? Spuren in der rabbinischen Literatur wären nach dem Vorgang Aptowitzers genau so zu berücksichtigen. Hier sei einstweilen nachdrücklich 189