Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 188 (sequence 16)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger lücke, söhnt mit der Unvollkommenheit jener Sprachdenkmäler aus; denn infolge des Klangmangels und der erheblichen Lücken, besonders auch in der Kenntnis des ägyptischen Sprachaufbaues, stehen wir immer wieder vor einer einfachen Unerkennbarkeit des Textes und des Sinnes. Daß wir genau in der gleichen Lage bei unzähligen Bibelstellen sind, ist später noch zu erörtern. Unbedingt sicher bleibt, daß die tiefe Versenkung in den Geist der objektiv und zuverlässig wiedergegebenen Texte aus jenen alten Kulturkreisen nicht nur die Vorfrage über die Entstehungsgeschichte großer Teile der Literatur des Alten Testaments, also die Zusammensetzung und den Sinn „der etwa einzeln herauszuschälenden Quellen" mitbeantworten hilft, sondern auch den Sinn und die Absichten des „abschließenden Redakteurs", der das Ganze des Alten Testaments auf eine Ebene brachte, besser verstehen lehrt. Nur das Eindringen in die neuen Texte, verbunden mit der Möglichkeit selbständiger Nachprüfung des Urtextes ermöglicht zunächst das bloße Sehen neuer Probleme, neuer Probleme über den Zusammenhang und die Verwandtschaft der Literaturformen und Religionsanschauungen im alten Orient, der Bräuche und Lebensäußerungen in diesen Ländern, neuer Probleme über ihren Ursprung und ihre Wanderung, über Umbildungen, Bedeutungswandel und Neuprägungen, über ursprüngliche oder abgeleitete Hergänge, Vorstellungen und Darstellungsformen im Alten Testament. Das Thema der politischen, religiösen und allgemeinkulturellen Umwelt des Alten Testaments steht heute mit Recht im Mittelpunkt der Forschung. Ein Stoffgebiet für sich ist die Forschung der politischen Geschichte Vorderasiens in ihrer Verknüpfung mit den Schicksalen Israels. Da der „Redakteur", oder sagen wir ruhig Autor des Alten Testaments, die Geschichte des Volkes Israel vom Gottesgedanken aus deutet und sie in den Rahmen eines bestimmten moralisch-religiösen Schemas einfügt, überdies nur eine kurze Zeitspanne und einen engen Raum überblickt, kann man in diesen Schriften Sinn und Maß für die politische Problematik eines Staatswesens auf der Länderbrücke zwischen Ägypten und Mesopotamien nicht suchen. Die Bücher „Genesis" bis „Könige" bilden ein zusammenhängendes Werk, das die Geschichte Israels von der Weltschöpfung an1) behandelt, und das seine vorliegende Gestalt und scharf ausgeprägte Tendenz einem jüngeren nachexilischen Verfasser verdankt, dem wir das Epitheton biblischer Herkunft „Von Gottes Gnaden" zuerkennen müßten, befände sich dieses Beiwort nicht im deutschen Sprachschatz x) bis zum Regierungsantritt Ewilmerodachs von Babylon 561 vor Chr. 188