Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 187 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899738--03592-2899849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament hethitischen Texte bearbeitet haben, die vielbändige Reihe „Der Alte Orient", die seit 1903 bis heute in einfachen klaren Darstellungen dem Nichtfachmann tendenzlose AufHärung über diese Gebiete gibt, die neuesten Darstellungen aller Gattungen der ägyptischen und babylonisch-assyrischen Literatur vou Max Pieper und Bruno Meißner, Delaportes stoffreiche Rekapitulation „La Mesopotamie" und die neue Sammlung von 122 Inschriften der altassyrischen Könige von Jtiti bis Salmannassar I. in transskribierten Texten und Übersetzungen, mit einem reichen gelehrten Apparat versehen. Alle diese umfassenden Werke heben die Isolierung der Welt des Alten Testaments auf und sprengen die Absperrung der Bibelforschung als theologischer Disziplin. Aber die Erfahrung und die zusammenhängende Lektüre jener Texte lehrt nun doch, daß die Unzahl von Hymnen und Gebeten, Epen und Inschriften, Gesetzen und Ritualtexten in einer europäischen modernen Sprache oft merkwürdig leer und gespensterhaft und in den erhaltenen, häufig zerfetzten Stücken wie die beweiskräftigste Folie gegenüber der Urgewalt der vertrauten, quellenden Bibeltexte roh und barbarisch wirkt. Stellt man sich auch außerhalb der Gefühlswelt, der sich der moderne abendländische Leser und Forscher der Bibel kaum entziehen kann, so läßt sich die Wirkung etwa der deutsch übersetzten babylonischen Psalmen, der Hymnen, Klage- und Leichenlieder mit der eindrucksvollen Kraft unserer Thehillim (Psalmen des Alten Testaments) nicht messen. Ganz anders fällt das Urteil aber dann aus, wenn wir wie in ein Uhrwerk in das Gedankengefüge und die eigentümliche Seh-, Denk- und Redeweise der zu vergleichenden altorientalischen, außerhebräischen Urkunden hineinsehen können, dadurch, daß uns ihre Schriftzeichen mit ihrer, kaum zu bewältigenden Fülle von Bild- und Lautwerten und ihr Sprachbau wenigstens in den elementaren Grundzügen geläufig geworden sind. Nur mit dem Werden der größten Erfindungen der Technik vergleichbar ist schon allein die Entzifferungsgeschichte der Hieroglyphen und der Keilschrift. Dazu kommt nun das persönliche Erlebnis der grammatikalischen Präzision und der vollkommenen sicheren Lesbarkeit einer umfassenden, in den letzten Jahrzehnten neu aufgefundenen Literatur. Damit erst stellt sich das Sicherheitsgefühl des „Wissen-Könnens" ein und wird der kontrollierbare und in jedem Augenblick regulierbare Prozeß der eigenen Urteilsbildung ermöglicht, die allein zu sicheren Forschungsergebnissen führt. Die Zuversicht in die Schlüssigkeit eines Wahrheitsbeweises, verbunden mit der steten Bereitschaft zur Einräumung einer nicht zu schließenden Erkenntris- 187 13*