Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 184 (sequence 12)
- Language
- German
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Ludwig Feuclxtwanger Vorbereitung des Christentums nicht mehr als den leitenden Gesichtspunkt ihrer Art der Behandlung des Alten Testaments betrachtet und diesen Grundgedanken der christlichen Lehre nur mehr als historischen Grund und zur Verbrämung und Rechtfertigung ihres Monopols anführt, ist jede innere Rechtfertigung, das Alte Testament den genannten weltlichen Lehrfächern streitig zu machen, weggefallen. Das Alte Testament als göttliche Offenbarungswahrheit, als „Zeugnis von der Gottesoffenbarung in Jesus Christus" — Christus rex et dominus scripturae — ist Gegenstand des christlichen Glaubens und der christlichen Theologie. Das Alte Testament, wie andere große religiöse Urkunden, als eine zufällige historisch bedingte Einheit, eine Sammlung von Urkunden verschiedenartigster Herkunft, ist Forschungsgegenstand des kritischen Philologen und Historikers. Ohne vorbehaltlose Lösung des denkenden Geistes aus den harten und unbedingten Bindungen der unverbrüchlichen Lehren der Offenbarungsreligionen des Judentums und Christentums über die Bibel als über das Wort Gottes ist ein Zugang zu den Schriften des Alten Testaments als zeitgebundener Literaturdenkmäler nicht möglich. In welchem Zustand finden nun jene profanen philologisch-historischen Disziplinen die Wissenschaft vom Alten Testament in dem Augenblick vor, in welchem sie dieser Forschung selbständige Wege und Ziele im Rahmen der semitischen Altertumswissenschaft weisen wollen? Denn an die Arbeiten, an denen bisher zum allergrößten Teil die Theologie beteiligt war, hat ja sowohl die Literaturwissenschaft, wie die semitische Sprachwissenschaft, die vergleichende Religionsgeschichte, die Archäologie und die Geschichte des Alten Orients anzuknüpfen, wenn sie selbst dieses Wissensgebiet verwalten will, wenn auch bei dieser Übernahme naturgemäß viele früher geleistete Arbeiten abgetragen werden müssen. Wenn wir in den nächsten Abschnitten darauf verzichten, bei Behandlung einzelner wichtiger Spezialfragen regelmäßig philosophische und erkenntnistheoretische Schutzvorrichtungen gegenüber außerkritischen oder „gemäßigt kritischen" Standpunkten beizufügen, so sei hier bei Beginn dieses Versuches einen Überblick über ausgewählte neuere Probleme der alttestamentlichen Forschung zu geben, nachdrücklich ein für allemal gesagt: Die folgende Darstellung tritt auf mit dem Anspruch, den positiven unangreifbaren Wahrheitsbefund und ausschließlich wissenschaftliche Erkenntnisse zu geben; sie verneint die Möglichkeit verschiedener wissenschaftlicher Standpunkte, etwa einer konservativen oder kritischen, einer traditionellen oder „neueren" Auffassung. t$4