Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 183 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament zusammengesetzt, die man an dieser immer wieder feststellen kann: Eine Mischung aus Moralismus, Sentimentalität, „gesundem Menschenverstand" und Kulturmystik, einer Zwillings Schwester des Ästhetizismus. Bleibt der Zionismus! Wie weit bei ihm die Wiedergewinnung einer allgemeinen Einsicht in die historischen Formen des Judentums, in seine Religion, sein früheres Schrifttum, seine alte, große Buchkultur hinter der politischen und kolonisatorischen Aktivität zurückblieb, ist oft im Kreis seiner eigenen Anhänger, besonders von der Gruppe des „Misrachisten", eindringlich kritisiert worden. Die strenge, rein gelehrte Bibelwissenschaft ist wohl die am wenigsten vordringliche Sorge der herrschenden Richtung im Zionismus. So haben die Hoffnungen Geigers auf eine moderne jüdische Bibelwissenschaft im kritischen Sinn keine Aussicht irgendwo in Erfüllung zu gehen. Geblieben ist dagegen (trotz eines imponierenden Ausbaues der christlichen Wissenschaft vom Alten Testament nach den verschiedensten Richtungen hin, die Gegenstand der folgenden Darstellungen sein sollen) die von Geiger in jenen Sätzen aus dem Jahr i848 festgestellte „Willkürherrschaft der christlichen Exegese und Kritik bei unleugbar großen Verdiensten". Seit 1857, dem Erscheinungsjahr von Geigers „Urschrift", ist dann die europäische Wissenschaft auf den Gebieten der vergleichenden Religionsgeschichte, der semitischen Philologie, der Geschichte des Alten Orients, der Archäologie — unabhängig vom theologischen Lehrbetrieb — unbeirrt weiter fortgeschritten. Damit war eine völlige Veränderung der Forschungsziele, die mit dem Alten Testament zusammenhängen, gegeben. Die christliche Theologie hält trotzdem bis heute an dem Anspruch fest, die auf das Alte Testament bezügliche Forschung, die philologischen und historischen Fundamente eingeschlossen, weiterzupflegen. Dieser Anspruch bedeutet ein schweres Hindernis für die Befreiung des Alten Testaments aus seiner wissenschaftlichen Isolierung und ein Hindernis für die unbeirrt« sachliche Behandlung der offenen Fragen. Theologie in dem strengen gereinigten Sinn, den am schärfsten neuere evangelische Theologen (hier sei nur auf die Schrift von Erik Peterson „Was ist Theologie?", ferner auf die Bücher von Emil Brunner „Die Mystik und das Wort" und „Religionsphilosophie evangelischer Theologie" hingewiesen) formuliert haben, hat mit den sprachwissenschaftlichen, religionsgeschichtlichen und archäologischen Fragestellungen, denen allein sich eine erschöpfende Erkenntnis der Literatur des Alten Testaments erschließen kann, nichts zu tun. Seitdem die katholische und evangelische Theologie den Gedanken von der heiligen Schrift des Alten Testaments als der 183!