Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 182 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger behilflichen Mittel, also die zeitlich und örtlich gebundene Schrift- und Umgangssprache der Bibel, ihr sorgfältig abgezahlter Konsonanten- und Vokalbestand, bedingungslos inspiriert und einer Veränderung durch menschliche Vernunft entzogen. Rosenzweigs Feststellung („Morgen", Jahrg. IV, Heft 3), daß sich die heutige europäische jüdische Orthodoxie wegen ihrer Stellung zur Bibel außerhalb des Judentums jedes geistigen Einflusses und innerhalb des Judentums aller werbenden Kraft beraubt hat, ist demnach zwar an und für sich richtig., es fragt sich nur, ob Expansion und Propaganda nach innen und außen zu den erstrebenswerten Zielen des frommen, gesetzestreuen Juden gehört. Die Liberalen! Man sollte meinen, in ihren Händen wäre die Pflege der modernen Bibelwissenschaft in freiem, aber jüdischem Sinn am besten aufgehoben. Tatsächlich sind indes die Liberalen in ihren Lehrbetrieben der Wissenschaft des Alten Testaments jederzeit in gemessenem Abstand ausgewichen. Man lese darüber bei Rosenzweig in der schon erwähnten Sammlung „Zweistromland" ausführlich nach. Die religiösen liberalen Juden sind nun eben über den Religionsfbegriff Schleiermachers noch nicht hinausgekommen; für die geistig Führenden unter ihnen ist die Religion doch hauptsächlich eine heilige Musikbegleitung des Lebens, die Bibel das erhabenste Mittel ernster Erbauung. Religion ist ihnen vor allem kein Wissen, sondern „unmittelbares Bewußtsein". „Intellektualismus" und bloße Wissensübermittlung treten hinter allgemein ethischen Forderungen, nach denen sie die Bibel werten, zurück. Die Bibel ist ihnen Organ des tieferen Lebensverständnisses oder gleich der Kunst, Erhöhung und Vergeistigung des Lebens, aber weder die einfache Mitteilung eines wunderbaren, übernatürlichen Wissens von Gott und göttlichen Dingen, noch eine literarische Urkunde, mit modernen, kritischen Methoden erforschbar wie das Nibelungenlied oder Homer. Dem Durchschnitt ist sie nicht mehr als Erbauungsgelegenheit oder Anlaß, Zitate daraus bei passenden Gelegenheiten in die gemessene Rede einzustreuen und der Predigt Fülle und religiöses Kolorit zu verleihen. Abraham Geiger blieb völlig vereinsamt. In einzelnen Fällen sehen wir jüdische liberale Gelehrte die Forschungen der protestantischen Wissenschaft gereizt und mit unzulänglichen Mitteln ablehnen oder umgekehrt „in achtungsvollem Abstand" hinter ihr einherschreiten. „Was hier schon vieux jeu ist, wird dort als demier cri genommen", so kann man Rosenzweigs bittere, aber in jeder Hinsicht gerechte Kritik abwandeln. Das religiöse liberale Judentum ist die herrschende Religion innerhalb des abendländischen Judentums und ist eben wie die herrschende Religiosität in Europa aus allen Eigenschaften 182