Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 181 (sequence 9)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament erleben als Offenbarung) und von historischen Spekulationen über ein Werden der BibeL Für die Orthodoxie ist die Bibel, das heißt die massoretische, also die mit allen Mitteln vor Veränderungen geschützte Buchstabenfolge, das Wort Gottes schlechthin, somit in allen Teilen vollkommen und irrtumlos. „Wer sagt, die Thora sei nicht vom Himmel, der hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt" (Mischna-Traktat Sanhedrin 10, i). Und in dieselbe Rangstufe kanonischer Geltung, als schlechthin verbindlicher geoffenbarter Wille Gottes, rückten später „Propheten" und „Schriften".1) Diese streng jüdische Richtung sagt ganz einfach bis heute: Die Erkenntnis Gottes und was wir tun sollen und unterlassen müssen, ist aus der schriftlichen und mündlichen Lehre zu schöpfen. Die Lehre ist der Inbegriff der Forderungen Gottes an sein Volk. „Nicht an der Vernunft messen wir das Wort Gottes in der Schrift, sondern am Wort Gottes in der Schrift messen wir die Vernunft und jegliche Wissenschaft". Bei einer solchen Haltung ist naturgemäß kein Raum auch nur für den leisesten Ansatz einer unbefangenen Betrachtungsweise der Bücher des Alten Testaments in der Art der Betrachtung eines anderen Literaturdenkmals. Denn mit dem Vorgang des Glaubens an die Heiligkeit, also an die Sonderstellung der Thora, der Propheten und der Schriften vollzieht sich in dem Gläubigen ein Denkprozeß, wird ein Schluß gezogen über ihre literarische Entstehung und' über die philologisch-kritische Unantastbarkeit des durch die Massora gesicherten Textes. Da gibt es kein Ausweichen wie etwa: „Wenn Wellhausen recht hätte, würde das unseren Glauben nicht berühren." Gegen derartigen — verständlichen — Mangel an Bereitschaft zu Ende zu denken empfiehlt es sich, das (mit den Supplementen) fast 700 eng bedruckte Seiten starke lateinische Quellenwerk des Jesuiten Christian Pesch genau zu lesen: De Inspiratione sacrae scripturae. Im zweiten dogmatischen Teil ist hier u. a. die vor- und nachtridentische Doktrin der katholischen Kirche vorgeführt, die auch die letzte gedankliche Unklarheit über die Bedeutung und die begrifflichen Konsequenzen des Offenbarungscharakters der Schrift beseitigt. Der erste historische Teil des Peschschen Werkes enthält übrigens auch die Ansätze der Doktrinen des Judentums über die Inspiration der BibeL Die Geschichte des jüdischen Offenbarungsbegriffs ist noch nicht geschrieben. Auch nach der unbestrittenen Lehre des Judentums sind die zur sinnlichen Wahrnehmung des göttlichen Wortes x) Daß die Entstehung des Schriftbegriffes der Synagoge von der Ausprägung eines scharfen Kanonbegriffes durch mehrere Jahrhunderte nachweisbar getrennt war und über die Doppelheit der Kanonbildung bei den Palästinensern und den Alexandrinern, kann hier nicht gehandelt werden. xsx