Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 180 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899738--03585-2899842- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig Feuchtwanger Arbeit, will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich fertig werden will, auch mit jedem alten und neuen) Buch: — sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt gut lesen, das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen." Wie könnt« also bei den Westjuden des 19. oder gar des 20. Jahrhunderts eine wissenschaftliche Erforschung der Bibel aufkommen oder sich Geltung verschaffen? Aber neben diesen äußeren „dringenden" Abhaltungsgründen ist der Tiefstand des Anteils der Juden an der wissenschaftlichen Bibelforschung in der allgemeinen Haltung der drei großen Hauptrichtungen der neueren Judenheit zur Bibel, zur „Lehre", zur freien Forschung überhaupt begründet. Um mit den „Schatz-Behaltern" des Judentums, der modernen Orthodoxie zu beginnen: Auch der jüdische Glaube ist seit der Vorlesung des Gesetzes durch Esra im 5. Jahrhundert genau so wie später der christliche Glaube, Bibelglaube, und zwar in dem oben entwickelten Sinne. Welches der Text dieses von Esra aus Babylon gebrachten vom Perserkönig sanktionierten Gesetzes war, auf das das Volk feierlich verpflichtet wurde und wie sich der Prozeß abspielte, in dessen Verlauf dieses Gesetz zu einem Buch göttlichen Ursprungs, heiligen, unantastbaren und inspirierten Inhalts erhoben wurde, ist durch eine imponierende Forschungsleistung von Generationen von Historikern und Theologen in den letzten hundert Jahren immer mehr aufgehellt, wenn auch bis heute nicht zweifelsfrei festgestellt worden. Jedenfalls ist es gelungen, die Tatsache einer fortschreitenden Veränderung des Bibeltextes seit Esra bis zum Abschluß des Talmuds einwandfrei aufzudecken, so weit wir auch noch von einer klaren Geschichte dieses Textes entfernt sind.1) Das Ergebnis der Entwicklung seit Esra war: Die Vorstellung von der „kanonischen Dignität" des Buches und das absolute Fernbleiben des rechtgläubigen, gesetzestreuen Judentums in ununterbrochenem Generationenwechsel bis in die Zeiten der modernen jüdischen Orthodoxie von allem Rationalismus, also von aller philosophischen Gottes- und Offenbarungslehre wie vom Subjektivismus (mystisches Gottx) Die konventionelle Lehrmeinung, daß das Gesetzbuch Esras der von ihm selbst geschriebene, als Offenbarung ausgegebene „Priesterkodax", also hauptsächlich der zweite Teil des Buches Exodus, der ganze Leviticus und der erste Teil Numeri gewesen sein soll, ist nicht als gesichertes wissenschaftliches Ergebnis hinzunehmen, ebensowenig wie die damit eng zusammenhängende Theorie von der Zusammensetzung der Fünf Bücher Moses (aus der Überlieferungsschicht JE, vermehrt um D und zusammengearbeitet mit dem alten Bestand der Priesterschrift, der seinerseits vermehrt gewesen sein soll um das sog. „Heiligkeitsgesetz" und andere sakralrechtliche Ordnungen, das Ganze „redigiert" von Esra). 180