Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 179 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament mit der rechten heiligen Scheu, aber auch mit echter Vertrautheit zu behandeln wissen. Jene Willkürherrschaft, die christliche Exegese und Kritik üben bei unleugbar großen Verdiensten, hat Bestand, solange sie von jüdischer Seite ignoriert wird; man wird vom Ignorieren dann doch einmal abgehen und durch geistige Freiheit und Sicherheit den Herrscherstab erringen." Die Hoffnungen Geigers von einer höheren Blüte der jüdischen Theologie durch voraussetzungslose bibelwissenschaftliche Forschungen sind nicht in Erfüllung gegangen. Die Gründe dieses Versagens liegen in der tragischen Geschichte des ersten Jahrhunderts der „Wissenschaft des Judentums", deren einzelne Phasen Elbogen (in der Festschrift zum 5ojährigen Bestehen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Berlin 1922) zuletzt noch einmal eindringlich und objektiv beschrieben hat. Noch tiefer, wenn auch subjektiver und leidenschaftlicher, hat Franz Rosenzweig im Jahr 1920 in einer flammenden Anklageschrift (jetzt wieder abgedruckt in dem Sammelband „Zweistromland" Berlin 1926, S. 32 ff., dazu „Morgen" III. Jahrg. Heft 2) auf den Mangel jüdischer Leistungen auf dem Gebiet der abendlandisch betriebenen jüdischen Wissenschaft gedeutet und eine in allen Punkten auch heute noch zutreffende Erklärung dafür gegeben. „Forschung und Lehre, Wissenschaft und Unterricht: unter uns sind sie gestorben", darin, gipfelt seine Anklage. Ganz unabhängig von den wiederholten Feststellungen und Begründungen dieses Versagens, die am besten in den Schriften von Elbogen, Perles und Rosenzweig nachzulesen sind, sollen hier aus der geistigen Gesamtlage des heutigen europäischen Judentums ganz kurz die Ursachen abgeleitet werden, warum die Juden in der wissenschaftlichen Erforschung ihres eigenen Buches, der christlichen Forschung so gut wie nichts an die Seite stellen können. Die äußeren Ursachen sind ohne weiteres klar; sie werden vielleicht indirekt, aber desto eindringlicher durch ein paar Sätze Nietzsches aus „Jenseits von Gut und Böse" in Erinnerung gebracht. „Daß es Bücher gibt, so wertvolle und königliche, daß ganze Gelehrtengeschlechter gut verwendet sind, wenn durch ihre Mühe diese Bücher rein erhalten und verständlich erhalten werden, — diesen Glauben immer wieder zu befestigen, ist die Philologie da. — Philologie ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor allem eins heischt, beiseite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden —, als eine Goldschmiedekunst und — Kennerschaft des Wortes, die lauter feine, vorsichtige Arbeit ab zutun hat und nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nötiger als je, ---- mitten in einem Zeitalter der 179