Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 178 (sequence 6)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger scHechlhin nicht geben. Die einzig möglichen Statten und Instanzen der Erforschung des Alten Testaments sind aus diesem Grund nicht die theologischen Fakultäten, sondern die semitische Philologie, die antike Geschichte und die vergleichende Religionswissenschaft. Wie Spinozas Tractatus theologico-politicus, so steht fast 200 Jahre später Abraham Geigers Werk „Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums" isoliert außerhalb des Zusammenhanges und normalen Ablaufes der Wissenschaftsgeschichte des Alten Testaments, noch heute in einzelnen Teilen grundlegend und nicht überholt, wie Spinozas bibelkritisches Werk geeigneter als jedes Werk vorher die unausweichlichen Grundsätze der streng wissenschaftlichen Betrachtungsweise des A. T. zu klären. Geigers „Urschrift" erschien 1857. Die Geschichte des Bibeltextes ist ihr Hauptthema: Für alle diejenigen, die die Urschrift für inspiriert hinnahmen, als in sich vollendetes, unantastbares Wort Gottes, von dem kein Jota, kein Konsonant und kein Vokalzeichen abdingbar ist, also für die Gesamtheit der damaligen gelehrten und ungelehrten Judenheit, war ein solches Unterfangen von vornherein eine Blasphemie, das Unternehmen des Kofer-be'iqar („der die Grundlage leugnet") in Reinkultur. Denn an der Bibel ging auch die jüdische Wissenschaft, die nur wenige Jahrzehn be vorher so verheißungsvoll begonnen hatte, wie auf stillschweigende Verabredung in weitem Bogen vorbei (Felix Perles in dem Sammelwerk „Abraham Geiger" Berlin 1910, S. 317). Es wird noch im einzelnen zu zeigen sein, daß zur Befreiung der Wissenschaft vom A. T. aus ihrer Isoliertheit, in welcher sie als eifersüchtig gehütetes Dominium der Theologie getrennt von der allgemeinen semitischen Altertumswissenschaft Jahrhunderte bis heute gehalten wurde, in den Bahnen fortgefahren werden muß, die vor mehr als 70 Jahren Geiger betreten hat. Heute kann es allerdings auch für jüdische Gelehrte nur mehr um diese Befreiung gehen. Denn für eine eigene spezifisch jüdische Wissenschaft von der Bibel ist die Zeit endgültig verpaßt. Im Jahr 18 48 konnte Geiger noch mit vollem Recht sagen (S. 317 des oben genannten Sammelwerkes über Abraham Geiger): „Die höhere Blüte der jüdischen Theologie würde sich in einer wissenschaftlichen, biblischen Exegese und einer gesunden, biblischen Kritik entfalten---- Gerade auf diesem Gebiet wird sicherlich die jüdische Wissenschaft wieder den Höhepunkt gewinnen, wie sie ihn unter den Arabern für die frühere Zeit eingenommen hatte: es wird sich dann zeigen, wie den Juden ihre Bibel doch ein wahrhaft geistiges Eigentum sei, das sie 178