Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 177 (sequence 5)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament daß die Schrift nicht die wesentlichen Erkenntnisse, die man der Vernunft verdankt, enthalte, ja daß die Schrift ihrem eigenen Sinne nach gar nicht Erkenntnisse vermitteln wolle, endlich, daß die im Alten Testament vereinigte, reich verzweigte Literatur nur aus sich selbst, die „Schrift" aus der „Schrift", zu erklären sei, das sind im wesentlichen die von Spinoza errichteten Grundpfeiler, auf denen jede wissenschaftliche Erforschung des Alten Testaments unbestrittenermaßen zu ruhen hat Der Glaube an die „Wahrheit" aller Schriftstellen, also der Glaube an die Bibel als Norm jeder Wahrheit und als das wesentliche und unerläßliche Kennzeichen frommer, rechtgläubiger Gesinnung — als Spinoza lebte, tatsächlich noch „eine Wirklichkeit ersten Ranges" — dieser Glaube (nicht ein Kantisch-Cohenscher Vernunftgladben, der ein theoretisches, begriffliches iVerhältnis zu Gott vollzieht) hat keine Beziehung zur Erkenntnis: Das ist die grundlegende These Spinozas und muß gleichzeitig grundsätzlich jeder wissenschaftlichen Erörterung über die Bibel auch heute noch vorangestellt werden. Alles was dieser „voraussetzungslosen" Wissenschaft nicht entspricht oder nur teilweise entspricht, gehört in das Gebiet der Erbauung, der Technik, willige, dem Staat und der Kirche des Prediger» gehorsame Menschen zu erziehen; auf Wahrheit um ihrer selbst willen, also auf „Geltung für die höchste Stufe des Menschengeistes, die autonome philosophierende Vernunft" kommt es bei dieser Art des Hin- und Herwendens. Auslegens der Bibelstellen — diese Art kann ihrerseits wieder sehr wohl Gegenstand der Wissenschaft im reinsten Sinn sein — nicht an, auch dann nicht, wenn auf weiten Strecken der Darstellung nach streng wissenschaftlichen Methoden verfahren wird. Wir sagten: „Voraussetzungslose" Wissenschaft. „Voraussetzungslosigkeit" ist dabei in dem von allen Einschränkungen und Kompromissen geklärten" Sinn gebraucht, in dem jüngst Eduard Spranger (in der Sitzung vom 10. Januar 1929 der philosophisch-historischen Klasse der Preußischen Akademie der Wissenschaft: Sitzungsbericht 1929/I) programmatisch den „Sinn der Voraussetzungslosigkeit in den Geisteswissenschaften" mit aller Schärfe und Umsicht umrissen hat. Also vor allem Festhaltung an einer einzigen unmißverständlichen Wahrheit und Überwindung des Relativismus der Standpunkte! Die Eigenart der weltanschaulichen Voraussetzung ist vielmehr selbst wieder zu wissenschaftlichem Bewußtsein zu erheben und die Auseinandersetzung der Weltanschauungen zum Objekt der Wissenschaft zu machen. Eine jüdische, katholische oder protestantische Bibelwissenschaft kann es daher nach Wesen und Begriff der Wissenschaft 177