Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 176 (sequence 4)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger vor uns auf. Spinozas Theologisch-Politischer Traktat, erschienen 1670, wird immer nach seiner Methode und seinen Ergebnissen das Muster seihständiger, imbestechlicher, nur von der Liebe zur Wahrheit geleiteter, souveräner Denkarbeit bleiben. „Spinoza war schon zu seiner Zeit da, wo unsere aufgeklärten Theologen jetzt erst hinkommen", bemerkt der erste deutsche Übersetzer des Traktats, der herzoglich sachsen-gothaische Sekretär Schack Hermann Ewald (auf S. IV der Einführung der 1787 erschienenen sehr guten Übersetzung). Und Hegel charakterisiert in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (im dritten Band, S. 369, — Bd. XV der ersten vollständigen Hegel- Ausgabe — den Michelet i836 bei Duncker & Humblot herausgab), sehr kurz aber treffend den Inhalt des Tractatus theologico-politicus so: „Es ist darin die Lehre von der Inspiration, eine kritische Behandlung der mosaischen Bücher und dergleichen, besonders aus dem Gesichtspunkte, daß diese Gesetze sich auf die Juden beschränken. Was spätere christliche Theologen hierüber Kritisches geschrieben haben, wodurch gewöhnlich gezeigt werden soll, daß diese Bücher erst später redigiert werden und zum Teil jünger sind als die babylonische Gefangenschaft, — ein Haupt-Kapitel für die protestantischen Theologen, womit die neueren sich vor den älteren auszeichnen und viel Prunk getrieben haben — dies alles findet sich schon in dieser Schrift Spinoza's." Für den christlichen Zeitgenossen war der Traktat freilich ein Werk des Satans, ein Machwerk „von einem abtrünnigen Juden zusammen mit dem Teufel in der Hölle geschmiedet", der Verfasser nichts anderes als einapokalyptischer Bedränger der wahren Religion, der die Autorität der heiligen Schrift bedrohte und der Welt zu zeigen sich erdreistete, wie die heiligen Bücher durch Bemühen der Menschen verschiedene Male umgestaltet und dann mit List zu dem Ansehen göttlicher Urkunden erhoben wurden. Die zeitgenössischen Juden sahen in dem Traktat nur den gefährlichen .judenfeindlichen Verrat eines bestochenen Renegaten. Es ist heute anerkannt und (von Leo Strauß gegen Hermann Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas) more geometrico bewiesen, daß die dem Traktat nachgesagte „unnatürliche" Verbindung von Politik und Philologie notwendig eingegangen werden mußte in dem geistesgeschichtlichen Zusammenhang, in -dem Spinoza stand, nämlich auf dem steinigen Weg der Befreiung der Wissenschaft von erkenntnisfeindlichen, sagen wir es gleich, so unzeitgemäß es heute. klingen mag, auf dem Weg der Befreiung der Wissenschaft „von kirchlicher Bevormundung". Die Überordnung der autonomen Erkenntnis über die Autorität der Schrift und der Nachweis, 176