Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 175 (sequence 3)
- Language
- German
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Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament dieser Entrückung war es möglich., die späteren Lehren und Dogmen der Buchreligionen für die nähere Erklärung des „göttlichen Wortes" und seine authentische Interpretation auszugeben. Die vergleichende Geschichte der älteren Exegese, das heißt der Ableitung des Dogmas, der Lehre, aus dem Schrifttext (nicht die Kritik jener Ableitungsmethoden und nicht die Frage, ob und warum diese Methoden „falsch" oder „richtig" sind, sondern das geistige Phänomen des „Schriftbeweises") gehört zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben der Religionssoziologie und der vergleichenden Religionsgeschichte. „Tenach" (die traditionelle abgekürzte Bezeichnung für die kanonische abgeschlossene heilige Schrift: Thora — Nebijim — Kethubim) trat also auch bei den Juden in den überblickbaren Zeiten von Vollendung des Talmuds an immer mehr beim eigentlichen „Lernen" im Beth-Hamidrasch in den Hintergrund. Kritik in dem spezifischen, streng an bestimmte Regeln (Middoth) gebundenen Sinn war beschränkt auf die Festlegung und Auslegung der Halacha. Unter diesen Umständen wurde — nicht zu reden von einer Betrachtungsweise nach den heute eindeutigen Methoden wissenschaftlicher Quellenexegese — die selbständige Erforschung des kanonischen Textes in der Ursprache zwar nicht wie im Christentum und Islam infolge der Unterordnung unter der alleinigen charismatisch begründeten Lehrautorität verdrängt, so doch ebenso verpönt und durch eine „mündlich überlieferte" nach allen Dimensionen ausgebaute Pflichtenlehre ersetzt. Wie namentlich später in den Hochburgen des Talmudstudiums, in Polen, Böhmen, Deutschland, seit etwa i3oo n. Chr. das Lernen und Lehren der „Miqra" (der heiligen Schrift) vernachlässigt wurde, ist in den bekannten Quellenwerken, namentlich über die Geschichte der Juden in Polen, an drastischen Beispielen gezeigt. Außerhalb der traditionell streng gebundenen Form der Aneigung der „Schrift" in Synagoge und Beth-Hamidrasch und weit abseits vom christlichtheologischen Lehrbetrieb stehen zwei merkwürdige jüdische Forscher, die für das strenge, unabhängige Wissen um die Bücher des Alten Testaments epochemachend waren, und die die langsame Entwicklung der hergebrachten Forschungsart um Generationen überflügelten: Benedikt Spinoza und Abraham Geiger. Trotz der hoffnungslosen Vereinzeltheit der beiden Gestalten, obwohl ihre beiden großen Werke über die Bibel, von denen gleich näher die Rede sein wird, scheinbar keinen Nährboden hatten, aus keiner sichtbaren Kooperation gleich der überkommenden Behandlungsart der Schrift hervorwuchsen, trotzdem steigen mit dem Namen Spinoza und Geiger zwei grundverschiedene Welten 175