Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Grundsätzliches zur Forschung über das Alte Testament
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ludwig Feuchtwanger gänzlich unproblematische Selbstverständlichkeit! An den ursprunglichen Grund dieser gegenseitigen Ignorierung, nämlich an den Anspruch der Christen, das wahre Israel zu sein und die daraus hervorgegangene dogmatische Stelle des Alten Testaments im katholischen und protestantischen Lehrgebäude, dachte man bei dieser reinlichen Scheidung schließlich nicht mehr; und der Zustand wurde nicht einmal durch die Ideen und Ereignisse der Aufklärung, der Emanzipation und des Liberalismus von irgendeiner Seite aufzuheben versucht. Die Beschäftigung der Juden mit ihren heiligen Büchern war bis in die neueste Zeit religiös vorgeschriebene Übung und Gottesdienst, nur „wertrational'' (in der Terminologie von Max Weber) betrieben zur Erfüllung eines Gebotes, also kein „sinnhaft" orientiertes Lesen, etwa um den Wortsinn zu verstehen oder um das Gesetz, die religiösen Vorschriften daraus zu erfahren oder gar um das Verständnis des biblisch-hebräischen Sprachgutes zu fördern. Jedes Gebot oder Verbot in dem reich verzweigten System der jüdischen Lehre wurde wohl aus dem Text der Schrift herausgelesen, aber mittels einer exegetischen Arbeit, die von dem ursprünglichen Wortlaut wenig übrig ließ.1) Die „Mosaische Lehre vom Sinai her", ein künstlich an den Bibeltext geknüpftes, langsam gereiftes System von religiösen Vorschriften, nicht der Bibeltext selbst wurde in zunehmendem Maße Gegenstand des Nachdenkens und der Erforschung. Die Religionsgeschichte des nachbiblischen Judentums ist die Geschichte der Auslegung der Bibel, genau wie in der Koran-Exegese der verschiedenen Epochen die dogmatischen und gesetzlichen Veränderungen im Islam am deutlichsten zum Ausdruck kommen. Die gegen Textveränderungen gesicherten heiligen Bücher werden von einem gewissen Zeitpunkt der dogmatischen Entwicklung an vor jeder Art der Verständlichmachung abgeschlossen. Die Sprache der heiligen Bücher wird dem natürlichen Wandel der Schrift- und Umgangssprache, in der sie ursprünglich niedergelegt sind, entrückt und so aus der Sphäre der weltlichen Meinung und des „gesunden Menschenverstandes" herausgenommen. Das war bei allen Religionssystemen so, deren Lehren und Formen an ein Buch, also an eine dem Wortlaut nach festgelegte Urkundensammlung geknüpft sind. Das Bibellesen in heimischen Übersetzungen war nicht nur von der katholischen Kirche sehr genau geregelt (siehe z. B. das Schreiben Innocenz III. „Cum ex coniuncto" vom 12. Juli 1199 an alle Christen der Diözese Metz in Mirbts Quellen zur Geschichte des Papsttums Aufl. S. 173 f.). Erst infolge x) „Man gewinnt keine zutreffende Entscheidung aus den Worten der Thora, weil sie verschlossen ist .... Aber aus den Worten der Weisen kann man richtig entscheiden weil »ie die Thora erklären". Bamidbar Rabba c. i4, 193b. 174 S i