Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung
Date
1929-06-01
Page
170 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899737--03574-2899832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Hermann Funke war die Kultur. Deshalb mußte Rom, das die Welt beherrschen wollte, auch auf der Höhe dieser griechischen Universalkultur stehen. Denn wer mit ihr irgendwie in Beirührung gekommen war — und wer war das nicht? —, der hatte auf ein Rom mit einer minder entwickelten bäuerlichen Kultur nur mit heimlicher Verachtung blicken können, hätte nicht leicht ein lockendes Ziel darin sehen können, diesem römischen Imperium anzugehören und ihm zu dienen. Ein Rom, dessen Kultur die Befruchtung durch den fremden Geist hätte entbehren müssen, wäre gezwungen gewesen, dem griechischen Osten die geistige Herrschaft zu überlassen; die Römer wären nur die plumpen Träger der staatlichen Macht geblieben, denen die Welt sich in innerlicher Fremdheit, nur aus Zwang, gebeugt hätte. Aber einer der stärksten Pfeiler des römischen Imperiums war doch gerade die Bewunderung, die die Welt den Römern entgegenbrachte als dem Volk, das in jedem Bezirk menschlicher Bestrebung das Höchste verkörperte, dessen die damalige Menschheit fähig war; diese Bewunderung war es, die den Dienst am römischen Imperium aus einer erzwungenen Pflicht zum heißerstrebten Ziel höchsten Ehrgeizes machte. Ebenso wie Roms große Feldherren, deren Legionen dem römischen Namen Länder und Erdteile eroberten, waren darum auch Männer wie Cicero und Horaz, die ihrem Volkstum fremde geistige Werte eroberten und sie für römische Geisteshaltung fruchtbar machten, Mitschöpfer der römischen Größe. Ohne solche Geister wäre das Fremde, das man nur äußerlich hätte kopieren können, höchstens Tünche gewesen; es hätte die Römer in ihrem eigenen Wesen, neben dem es ohne innere Verbindung gestanden hätte, irre gemacht anstatt es zu bereichern und. zu vertiefen — kurz, dann wäre in der Tat jene „Kulturlosigkeit" und „Zersetzung" eingetreten, mit der die rassische Geschichtsdeutung alle Völker bedroht, deren Geistesleben nicht vom „gleichen Blut" geschaffen wurde. Aber die inneren Kräfte des römischen Volkstums waren eben viel zu stark, als daß ein solches Schicksal ihm hätte drohen können. Ihm gelang es (was einem starken Volkstum stets gelingt), die aus fremdem Volkstum rezipierten geistigen Werte solange umzuschweißen, bis sie sich in die eigenen Daseins- und Schaffensformen organisch einfügten. Und daruf beruht die Größe Roms, daß es der Brennpunkt war, in dem sich alle fruchtbaren Kräfte nicht nur einer Einzelrasse, sondern fast der ganzen Menschheit zusammenfanden — die schöpferische Genialität einzelner Persönlichkeiten sowohl wie die überpersönlichen Werte fremder Kulturen. Hätten die Römer nur Menschen nordischer Rasse in ihrem Volkstum ge- 170

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.