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Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 169

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung
Date
1929-06-01
Page
169 (sequence 11)
Language
German
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Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung spann, in seiner „Aeneide" das große römische Nationalepos. Diese Verse sind trotz aller griechischen Entlehnungen doch durchströmt von dem Stolz ihres Schöpfers, dem römischen Staatsgebilde in seiner Eigenart und Größe anzugehören; und der Held des Werkes, der Stammvater des Römervolkes, der durch alles Leiden hindurch, das die Himmlischen auf sein Haupt häuften, doch schließlich im Bunde mit ihnen zu seinem Ziele gelangt — dieser Äneas ist das große Sinnbild römischer Art Und in der Lyrik Vergils, die sich wohl der fremden griechischen Formen bediente, war trotzdem gesundes römisches Bauerntum in seiner Verbundenheit mit der italienischen Landschaft lebendig. Zu einer ähnlichen innerlichen Unabhängigkeit von dem griechischen Kulturgut gelangte auch Horaz. Von seinen Oden deutet ganz ohne Frage die Mehrzahl auf das Vorbild der großen Lyriker Griechenlands. Aber doch hätten viele, besonders die des vierten Buches, von einem Griechen niemals gedichtet werden können; Nur ein Römer konnte dieses sichere Gefühl für den Segen einer gefestigten Staatsmacht haben, das diese Verse atmen, für die historische Mission, die das Kaisertum nach den Stürmen der Bürgerkriege zu erfüllen hatte. Aus eigener Kraft hätte Rom diese Kulturwerke nicht schaffen können, aber dadurch, daß der fremde griechische Geist Geburtshelfer wurde, erstand eine römische Kultur, die sich seit dem Ende der Republik zu einer Blüte entfaltete, die Jahrhunderte währte, und während dieser Zeit ihres Glanzes stand sie weit über der inzwischen gesunkenen Kultur Griechenlands, an der der römische Geist sich einst emporgerankt hatte. Was die griechische Kunst damals hervorbrachte, waren nur Werke von Epigonen, Körper ohne Seelen. Der römische Geist konnte aus dem kräftig pulsierenden Leben seines Volkstums heraus die überkommenen Kunstformen aus Griechenlands großer Zeit wieder mit Seele erfüllen, er hatte wirklich etwas zu sagen, in ihm drängte wirklich etwas nach Gestaltung. Das fremde Römervolk war es, von dem das griechische Kulturerbe wieder zu neuem Leben erweckt wurde, nicht die Griechen selbst, bei denen allein es doch nach dem Rassendogma wertschaffend hätte wirken können. Daß aber Rom durch die Hilfe des griechischen Geistes auch der kulturelle Mittelpunkt der Welt wurde, war nicht nur eine geistige Angelegenheit: es war zugleich eine unmittelbare Lebensfrage für die römische Macht: Seit den Tagen Alexanders des Großen war griechische Bildung ja Weltbildung geworden; unumstritten herrschte sie zumindest im ganzen Osten, und im Osten X69 ■i

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