Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 167 (sequence 9)
- Language
- German
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Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung Denn Gewaltmittel konnten nicht verhindern, daß die catonische Gesinnung überraschend schnell, fast über Nacht, jede Resonanz im römischen Volksbewußtsein verlor. Schon der Historiker Postumius Albinus, der im Jahre i5i Konsul war, erwähnt zu Beginn eines Werkes den Kulturkampf als eine geistige Erscheinung, die nur noch der Geschichte angehöre. Cato selbst lernte im Alter Griechisch und bekannte so seinen Irrtum. Die Partei der Griechenfeinde hatte die Waffen strecken müssen. Aber ihre heftige und trotzdem vergebliche Opposition ist doch ein Symbol dafür, daß man das fremde Kulturgut in bewußter Absicht in Rom aufnahm, in voller Klarheit über die Folgen, die von größter universal-historischer Bedeutung sein sollten. Denn der Sieg des griechischen Geistes bedeutete ebensosehr eine Schicksalswende für Rom wie einst der Augenblick, in dem zum ersten Male Etrusker die Stadt auf dem palatinischen Berg betreten hatten. So wie damals recht eigentlich die Geburtsstunde der römischen Macht begonnen hatte, so erwachte jetzt erst Rom zu geistigem Leben. Vorerst standen die Römer freilich noch ganz im Bann des griechischen Lehrmeisters. Man hatte vollauf zu tun, den griechischen Reichtum wieder und wieder auf sich wirken zu lassen, um ihn zu einem wahrhaft lebendigen geistigen Besitz zu machen. Man ahmte die griechischen Vorbilder nach, die großen Dichtungen der Griechen wurden in die eigene Sprache übertragen. Aber das rezipierte Kulturgut erstickt nicht die schöpferischen Eigenkräfte Roms, sondern es befruchtet sie, und diese schöpferische Synthese ist bei jeder Aufnahme fremden Kulturguts das eigentliche biologische Ziel. So schrieb Fabius Pictor, angeregt durch die großen Historiker Griechenlands, zum erstenmal die Geschichte seines Volkes. Erst die Kunst eines Herodot, Thukydides und Xenophon lehrte die Römer, ein geschichtliches Werden sehen, die mannigfachen Einzelbegebnisse, von denen die Überlieferung seines Staates zu berichten wußte, zum großen Gesamtbild eines Völkerschicksals zu verschmelzen. Und Griechenlands Wissenschaft, die seit den Tagen des Aristoteles immer neue Lebensgebiete in ihren Bereich gezogen hatte, lehrte die Römer Systematik und Methode des Forschens. Terentius Varro, ein Schüler des großen Griechen Poseidonius, wird der gediegenste Altertumsforscher Roms. Die Befruchtung durch den griechischen Geist entfremdete die Römer nicht ihrer Eigenart, sondern sie half ihnen, gerade das, was doch ihren ganz spezifischen Wert ausmachte, ihr Staatswesen, zu einem immer bewußteren Besitz zu machen; denn erst ein Volk, das eine Geschichtsschreibung besitzt, 167