Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 166 (sequence 8)
- Language
- German
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Hermann Funke damals lernten die Römer den ganzen Reichtum des griechischen Geistes kennen. Als der dritte mazedonische Krieg beendet war (168), kam eine große Schar geistig hochstehender Griechen als Greisein nach Rom und brachte die Kulturgüter ihrer Heimat mit. Nach der Plünderung von Syrakus (im Jahre 212) und noch mehr nach der Zerstörung von Korinth (i46) wurde Rom von griechischen Kunstwerken überschwemmt. Und im Nu eroberte dieser griechische Geist sich Rom. Es schien, als ob den Römern sich nun erst in voller Klarheit offenbarte, wie arm und dürftig ihr eigenes Geistesleben war. Voll Heißhunger versuchte man den griechischen Kulturreichtum in sich aufzunehmen. Fast jede Familie von Ansehen nahm sich einen Lehrer griechischer Abkunft. Die Römer lernten Griechisch, um den Schlüssel zu den Schätzen der griechischen Literatur zu besitzen. Man hatte vorher gar nicht gewußt, was ein Drama von Äschylus, ein Gesang aus der Ilias bedeutete. Damals geschah es auch, daß das Römertum sich endgültig Klarheit darüber schuf, wie es sich gegenüber dem Einfluß fremden Geistes verhalten müsse. Die Aufnahmefreudigkeit für alles Gute und Wertvolle, die bisher mehr triebhaftem Gefühl entsprungen war, wurde nach einem erbitterten Kampf der Ideen immer bewußter. Denn gegen die, die sich dem griechischen Wesen mit stürmischer Unbedenklichkeit hingaben, erhob sich damals eine Strömung in Rom, die voll Besorgnis und wachsender Furcht den Siegeszug des fremden Geistes betrachtete. Das Römervolk, so erhoben sich warnende Stimmen, sei in Gefahr, seine Eigenart zu verlieren. Römisches Wesen werde bald nur noch eine blinde Nachahmung des Griechentums sein. Und die Mahnungen und Drohungen steigerten sich bald zu leidenschaftlichem Streit. Marcus Porcius Cato, der Vorkämpfer der griechenfeindlichen Strömung, schreckte vor den gehässigsten Mitteln nicht zurück. Einem Bruder des großen Scipio, der von griechischen Bildungsidealen erfüllt war, nahm er kraft seiner Amtsgewalt als Zensor das Ritterpferd, einen anderen Aristokraten, Flainininus, entehrte er dadurch, daß er ihn aus dem Senat stieß. Eine kurze Zeitspanne schien es fast, als ob Catos Leidenschaft den Sieg davontragen würde. Im Jahre 169 brachte er es dahin, daß auf einen Senatsbeschluß alle griechischen Philosophen und Rhetoren Rom verlassen mußten. Der „völkische Gedanke" hatte gesiegt. Aber Catos Furcht vor dem Fremden, das müssen doch die Römer gefühlt haben, entsprach zu wenig der Gesinnung, die Rom groß gemacht hatte. 166