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Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 165

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung
Date
1929-06-01
Page
165 (sequence 7)
Language
German
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Das römisch« Weltreich als überrassische Schöpfung volle Anregungen geben könnten. Die römische Überlieferung wenigstens berichtet — und die Forschung hat mehr und mehr aufgehört, daran zu zweifeln —, daß damals eine Studienkommission von Rom nach Griechenland entsandt wurde. Griechenland mit seiner weit älteren Kultur konnte auf eine lange Tradition staatlichen Lebens zurückblicken, und sollte ein aufstrebendes Staatswesen wie das römische nicht versuchen zu lernen, wo nur immer etwas zu lernen war? Wieweit griechische Rechtsvorstellungen im Zwölftafelgesetz dann tatsächlich wirksam geworden sind, läßt sich nicht mit Sicherheit abgrenzen. Aber das Entscheidende ist doch die allgemeine Gesinnung, von der die Römer schon in dieser frühen Zeit erfüllt waren: Sie spähten offnen Auges in die Welt hinein, um zu erkunden, woher sie Anregung und Bereicherung empfangen könnten, sie zogen immer von neuem auf geistige Eroberungszüge aus, um alles Gute und Fruchtbare, was die Welt besaß, in sich hineinströmen zu lassen — ohne zu fragen, woher es stammte. Und hierbei mußte ihr prüfender Blick ganz von selbst auf die Kultur fallen, die alle anderen in der damals bekannten Welt an Reichtum und Tiefe übertraf: die griechische. Wenn die Römer sogar in ihren Anschauungen vom Recht, in der Lebenssphäre also, in der ihre eigene Schöpferkraft am all erstärksten war, sich fremden Anregungen nicht verschlossen, wie sehr mußte dann auf anderen Kulturgebieten die Anregungen des griechischen Geistes auf fruchtbaren Boden fallen 1 Schon früh wirkten auf die Stadt an der Tibermündung die Griechen der nächsten Nachbarschaft, die unteritalischen Kolonisten. Von den Einwohnern von Kyme, der nördlichsten Griechensiedlung Italiens, lernten die Römer die Buchstabenschrift. Sie versuchten nicht, sich aus eigener Kraft eine völlig neue Schrift zu schaffen, die ganz den Stempel ihrer Eigenart tragen sollte. Schon die griechische Schrift, die ja unter maßgebendem Einfluß, der phönizischen entstanden war, stellte eine überrassische Schöpfung dar. Warum sollten die Römer die Arbeit, die der menschliche Geist in jahrhundertelangem Streben und im Zusammenwirken mehrerer Rassen geleistet hatte, wiederholen? Sie übernahmen die fremde Schöpfung der Griechen und Phönizier und paßten sie ihrer Eigenart und ihren besonderen Bedürfnissen an. Aber der entscheidende Einfluß griechischen Geistes ging doch vom griechischen Mutterland aus. Erst zu Ende des dritten und besonders im zweiten vorchristlichen Jahrhundert, als nach Roms Kriegen mit den Ostmächten Mazedonien und Syrien Griechenland römische Provinz wurde, erst 165 rf

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