Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 163 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899737--03567-2899825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das römische Weltreich als überrassische Schöpfung im Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft, — wenn etwa eine wichtige politische Entscheidung bevorstand, ehe man in die Schlacht zog — immer wurde der Beistand einer Gottheit angerufen; man war tief davon durchdrungen, daß das ganze Wohlergehen des Staats von dieser göttlichen Huld abhänge. Sie aber war für das römische Gefühl nur dadurch zu gewinnen, daß alle gottesdienslüchen Gebrauche und alle Opfer, die die Götter forderten, peinlich genau, unter strikter Beobachtung aller Riten, vollzogen wurden. Denn da es römische Art war, juristisch zu denken, auf die Kraft von Recht und Vertrag zu vertrauen, wurde auch das Verhältnis zu den überweltlichen Mächten als ein Rechtsverhältnis aufgefaßt. Wenn man dem Gott alles gab, was ihm zukam, dann — aber auch nur dann — glaubte man auch einen festen, gesicherten Anspruch auf Gegenleistung zu besitzen. Aber dazu mußte man wissen, was es war, was dem Gotte zukam, es galt zu erfahren, was er für seine Hilfe forderte. Und das war keine leichte Kunst; denn die Gottheiten erschienen den Römern als dunkle unheimliche Gewalten, als geheimnisvoll wirkende Weltkräfte; sie in Menschen- oder Tiergestalt darzustellen, war dem römischen Gefühl lange Zeit fremd. Geheimnisvoll war darum auch die Art, wie sie sich den Menschen kundgaben: Aus dem Fluge der Vögel (den sogenannten Auspizien) und aus den Eingeweiden der geschlachteten Opfertiere (den Haruspizien) wurde der göttliche Wille erkundet, und wenn sich Außergewöhnliches begab, mochte die Gottheit noch besondere übernatürliche Zeichen senden. Diese Göttersprache aber wußte niemand so gut zu deuten wie die „Haruspices", die alle etruskischer Abstammung waren und die von Staats wegen regelmäßig aus ihrer Heimat nach Rom berufen wurden, damit man ihren Rat höre. Hierin zeigt sich die große Bedeutung, die das Etruskertum für die römische Religion besaß. In jahrhundertelanger Tradition war in Etrurien die Erforschung des göttlichen Willens zu einem kunstreich gefügten, wissenschaftsähnlichen System ausgebaut worden: Die heiligen Bücher der „etrusca disciplina" (so nannten die Römer diese Wissenschaft) wußten Rat für jeden noch so individuell gearteten Fall; aus ihnen vermochte der Kundige stets zu entnehmen, was von den Göttern über das Menschengeschlecht verhängt sei, durch welchen kultischen Akt man in jeder Lage ihre Huld gewinnen könne. Indem man den geheimnisvollsten Kundgebungen der Gottheit nachspürte, wurden so ihre Wünsche erforscht; und dadurch, daß man nun imstande war, sie peinlich genau zu erfüllen, glaubte man die Gottheit in seinen Dienst zu 163