Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Der Beitrag des Judentums zur Verwirklichung des Völkerfriedens
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 155 (sequence 15)
- Language
- German
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Der Beitrag des Judentums zur Verwirklichung des Völkerfriedens Und das alles muß er tun aus religiösem Bewußtsein und um der Verwirklichung der Religion willen, d. h. nicht aus Nützlichkeitsstreben. Die Empfehlung des Friedens aus dem Gedanken, daß der Krieg keinen Nutzen bringt, daß auch der Sieger nur Nachteil hat, so richtig und so praktisch das sein mag, genügt noch lange nicht. Das Urteil über die Nützlichkeit kann sich ändern, einen vollen Wert hat Friedensarbeit nur aus der Ewigkeit religiösen Bewußtseins. Nur religiöses Bewußtsein wird den Frieden aus Grundsatz und mit leidenschaftlicher Energie fordern, auch dort, wo der Krieg Nutzen bringen könnte; und aus religiösem Bewußtsein wird man einen solchen Nutzen für nichts achten und verwerfen, ihn nicht haben wollen, eben weil er durch Aufhebung des Friedens errungen ist. Diesem religiösen Bewußtsein liegen im Judentum bestimmte Vorstellungen zu Grunde, die gerade für die Arbeit an der Friedensverewigung wichtig sind, aus denen Richtung und Energie der Arbeit fließen. Da ist zunächst die jüdische Anschauung vom Wesen des Menschen. Das Judentum lehnt die mit dem Begriff der Erbsünde in Zusammenhang stehenden Gedankengänge ab; es spricht dem Menschen die Kraft zu, das Gute, nachdem Gott es offenbart hat, aus eigenem zu tun, es betrachtet also die Seele des Menschen nicht als in allen Geschlechtern gleichermaßen unter der Sünde stehend, schicksalsmäßig ihr Untertan, so daß, wie Harnack es einst sagte, die innere Situation des Menschen im Wesentlichen unveränderlich ist. Es lehrt vielmehr, daß eine bessere Ordnung der menschlichen Lebensverhältnisse einen sittlichen Fortschritt, ein tieferes Verständnis für Gerechtigkeit und alle anderen sittlichen Forderungen vorbereiten; daß die unausgesetzte Arbeit der Menschheit an sich selbst die seelische Beschaffenheit des Menschen immer mehr emporsteigere. Auf diesem Glauben an die Veränderlichkeit der inneren Situation der menschlichen Seele beruht der Glaube des Judentums an die Möglichkeit der Erreichung eines Zustandes, in dem, unter Bruch mit der Vergangenheit und Gegenwart des Menschengeschlechtes, der Krieg selbst als Mittel, das Denken an den Krieg als Mittel ausgeschaltet werden kann. Auf dieser Vorstellung von der Eigenkraft menschlicher Arbeit und der Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit des Menschen, beruht der jüdische Glaube an das Gottesreich auf Erden. Dem Juden ist die Welt nicht der Tummelplatz der Sünde, die ewige Verkörperung des Widergöttlichen, die ewige Versuchung und Gefahr, sie ist ihm das Feld, auf dem er sich bewähren kann und muß, auf dem er seine sittliche Kraft ent- 155 11*