Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Der Beitrag des Judentums zur Verwirklichung des Völkerfriedens
Date
1929-06-01
Page
151 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899736--03554-2899813
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Der Beitrag des Judentums zur Verwirklichung des Völkerfriedens geschiente die Offenbarung Gottes entdeckten, daß Gott, um ein Volk für seine Sünden zu strafen, in ihrem Falle Israel, ein anderes Volk herbeiführt, damit es die Sündigen mit Krieg überziehe; dann aber lassen sie Gottes Gericht über dieses selbe Volk kommen, weil es Gewalttat geübt hatte, — Krieg ohne Gewalt gibt es nicht, — und es hat doch eigentlich nichts anderes getan, als Gottes Auftrag ausgeführt. Das Ganze ist nur verstandlich, in seiner Paradoxie begreifbar, wenn man das innere Widerstreben des Sprechers gegen Krieg und kriegerische Handlungen durchfühlt und ahnend aufspürt. Das alles zeigte die der Kriegsgesinnung abholde Richtung der Bibel und der sie tragenden und weiterführenden Menschen; damit ist es aber noch nicht getan. Nun mußte der Schritt weiter gegangen werden von der Verneinung der Kriegsgesinnung zur positiven Forderung des Friedens. Er ist in der Bibel gegangen worden. Das n. Kapitel des Jesaja hat dem Friedensgedanken eine so unbedingte Giltigkeit gegeben, hat der Friedensforderung eine solche Absolutheit verliehen, daß dort mit der Kraft der dichterischen Schau sogar das nur vom Affekt beherrschte Tierreich in diese Friedensherrschaft einbezogen ist. Ein anderer Prophet, älter als Jesaja und Micha, denn sie beide haben seine Worte wörtlich übernommen und weitergetragen, hat der Friedensforderung die klassische Prägung gegeben: „Sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu. Rebmessern, nicht mehr wird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben, sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen" (Jesaja, 2, 4; Micha, 4, 3). An dieser Prägung der Friedensforderung ist zweierlei bedeutsam, abgesehen von dem Ziel und der Wucht der Forderung selbst. Einmal die Anerkennung der Tatsache des Wettbewerbs unter den Menschen, es wird nicht einfach rein lehrhaft ein Friedensideal aufgestellt und gesagt, die Menschen sollen sich jeden Streites enthalten, es wird mit der Tatsache, daß ein Streben und Eifern vorhanden ist, als mit einer vorhandenen Tatsache gerechnet und dann gesagt, daß alle Energie auf Werke der Kultur gerichtet sein sollen; hier mögen die Menschen ihre Leidenschaft zum Besten der Gesamtheit betätigen. Das ist der tief ere Sinn der Gegenüberstellung von Schwert und Pflug, Lanze und Rebmesser; Pflug und Rebmesser sind die Sinnbilder der Kultur, alle Kultur wuchs aus der Arbeit am Boden hervor; und nun lautet die Forderung nicht nur: Wirf das Eisen hinweg, sondern: Nimm es, um Kultur zu *festigen. D. h. mit anderen Worten, das Friedensideal ist hier nicht nur negativ Sichfernhalten vom Krieg, Verwerfung des Krieges, sondern Umbiegung der Kampfenergien zur Kulturarbeit. Bedeutsam ist ferner die Prägung 151

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.