Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Katholizismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 139 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Katholizismus und Völkerfriede standene Haltung der Wirklichkeit gegenüber aus: die Gott verantwortliche „Mitarbeit" an der Formung dieser Wirklichkeit. Der katholischs „Aktivismus" kennt die paulinische Dualität des Nichtsvermögens aus Menschenkraft und des Allesvermögens aus Gotteskraft. Er kennt das Harren und Sichöffnen der Kreatur für Gott und das Wirken mit der Gnade. Er sieht im Menschen das Stillsein vor Gott, seine „potentia oboedientialis" für Gottes Einwirkung, er sieht den Menschen zugleich als „instrumentum" in der Hand Gottes, aber als ein solches, das nach Gottes Schöpferidee sein freies Ja zu Gott sagen kann in personaler Entscheidung für Gott. Das eben ist das „Geheimnis" in allem Menschenhandeln, daß in ihm Gott und Mensch zusammenwirken, und daß also auch in der Wirklichkeit der menschlichen Existenz das Überrationale alles Seins zur Geltung kommt Aber in der gleichen Freiheit menschlicher Entscheidung liegt auch die Möglichkeit des Nein zu Gott, die Möglichkeit der Sünde. Daß Gottes Allmacht und — Güte auch alle Menschensünde und -schuld seinen, dem Menschen unerrechenbaren Zielen einzufügen und dienstbar zu machen weiß, ist mit dem Glauben an den Gott der Versöhnung unmittelbar gegeben. Daß das Dämonische dem Göttlichen zuletzt untersteht — das eben ist religiöser Glaube. Augustus „felix culpa" ist die große Paradoxie des Erlösungswie des Gottesglaubens schlechthin. Der Ernst dieses Gottesglaubens verlangt die positive Entscheidung für Gott. Gott aber spricht aus jeder Zeit, und seine Ziele werden in der Zeit offenbar. Man kann, in einer religiösen Betrachtung, die Geschichte geradezu als die Zeit bezeichnen, in der es eine Entscheidung für das Ewige, das in sie hineingreift, gibt. Die Verantwortlichkeit der Zeit gegenüber, in der Gottes Wille erfüllt werden soll, verlangt vom Katholiken die ernste Erwägung aller Möglichkeiten, das Friedensideal' der Gemeinschaft der Völker zu verwirklichen in dem Umfang, den die Zeit als möglich erscheinen läßt. So zieht der Katholik das Realpolitische in sein Handeln hinein: er lebt nicht in romantischer oder utopistischer Ideologie, die der konkreten Gegenwart gegenüber ohne Verantwortung ist, sondern er sucht hier und jetzt nach allen Möglichkeiten zum Frieden, er knüpft in seinem Blick für das Wirkliche an d i e Wirklichkeiten an, die in der gegebenen Weltlage die Friedensgemeinschaft fördern können. Und gerade weil ihm der Krieg immer als Möglichkeit vorschwebt, wird er alle ihn hemmenden politischen Möglichkeiten erschöpfen, um dem Frieden zu dienen. Darum kann er ein positives Verhältnis gewinnen zu den heutigen Friedensorganisationen. Mag seine Begründung der Friedensidee eine eigene sein, er 139 10*