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Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 138

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Katholizismus und Völkerfriede
Date
1929-06-01
Page
138 (sequence 9)
Language
German
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Theodor Steinbüchel war ein tiefer und doch in dieser Menschenwertung ein wirklichkeitsnaher —, aber er weiß um das Unvermögen aller Menschenarbeit ohne die Gnade Gottes. Der christliche Schöpferglaube sieht die Wirklichkeit und den Wert nationaler Völkerindividualität und achtet sie ehrfürchtig als gottbegründeten Wert. Er sieht die Gottesidee „Menschheit" in vielfacher Mannigfaltigkeit sich verwirklichen in der Geschichte. Der Realismus der katholischen Wirklichkeitsschau sieht aber darüber hinaus einmal das Brudersein der Menschen in den völkhaften Lebensganzheiten und dann auch das Daseins- und Eigenrecht jedes Volkes und so auch wieder dessen Bestreben, sich, wenn nötig, mit Macht zu behaupten. Die Möglichkeit des Krieges ist damit gegeben.. Aber einer christlichen Kirche, als die die katholische sich doch weiß, ist hier wieder die gottverantwortliche Aufgabe gestellt, an der unkriegerischen Erfüllung berechtigter Entfaltungsansprüche mitzuwirken. Auch im Zusammenleben der Nationen gibt es eine solidarische Schuldverflechtung. Kriegschuld ist zumal in den soziologischen und ethischen Zusammenhängen der Völker nie einseitig. Sie festzustellen und zu verteilen ist m en sch en unmöglich. Es heißt, sich Gottes alleinigesRichtertum anmaßen zu wollen, wenn man hier glaubt, in absoluter Gerechtigkeit urteilen zu können. Aber es heißt auch allzu menschlich von Gott denken, wenn man prophezeit: „Ist Gott ein Gott der Liebe, so wird er auch dem Volke den Sieg geben, in dem die Liebe die reichste, die tiefste, die hochgeartetste ist!" (Scheler.), Gott urteilt nicht nach Menschenmaßstäben, und im Rahmen der Ganzheit der Geschichte kennt kein Mensch Gottes Absichten auch beim Krieg. Daß aber der Sieg von ganz anderen Faktoren abhängt als von der Liebe der Volksgenossen untereinander, haben alle Völker im letzten Kriege erfahren. Je mehr die heutigen Nationen sich als gesellschaftliche Machtkomplexe wissen, je mehr die Machtideologie des Nationalismus die Zerstörung übernationaler: Gemeinschaft fördert, um so stärker wird der Katholizismus seine Gern ein - Schafts idee geltend zu machen haben, in der die Einheit in der Mannigfaltigkeit sich ausspricht, weil alles Mannigfaltige von dem einen Schöpfergott gewollt ist, der es als der Eine zur Einheit seines Schöpferwerkes bindet. Der mdividualistische Nationalismus birgt die große Friedensgefahr, er ist „Häresie" auch in dem tiefen Sinne, daß er „Aussonderung" aus der Gemeinschaft der Völker ist, die des einen Gottes Völker sind. In solcher Aufgabenstellung der Mitarbeit am Frieden der Völker spricht sich noch eine letzte, spezifisch katholische und als solche vielfach mißver- 138

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