Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Katholizismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 137 (sequence 8)
- Language
- German
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Katholizismus und Völkerfriede (z. B. Lev. 26, i4ff.) und späterer (z. B. Jes. 6, 10 ff.) Zeit; erst die messianische Endzeit des Friedensfürsten ohne Ende kennt den Krieg nicht mehr und nur noch den Frieden in weitestem Umfang (Jes. 9, 4 ff.; 11, 6 ff; 35, 9). Die Menschenauffassung des Katholizismus macht diesen skeptisch gegen die herkömmliche utiliarislische und humanistische Form des Pazifismus. Die menschliche „Existenz" ist 'die des gefallenen Menschen, der auch in der Erlösung zum Gotteskinde in seinem irdischen Dasein den Kampf mit der Sünde täglich aufzunehmen hat, und dessen „Natur" durch die Sünde nicht zwar „zerstört", aber doch „geschwächt" ist. Das Kriegsleid als solches ist ein Kreuz, das es zu tragen gilt, so sehr man um die Abwendung auch dieses Übels beten soll und darf. Ein utilitaristischer Pazifismus, der nur um der Verminderung des Übels in der Welt willen den Frieden als negativen Nicht-Krieg fordert, weiß nichts von der religiösen und metaphysischen Tiefe christlicher Leidenswertung, die Auferstehung nur im Sterben, geläutertes Leben nur im Verlust des selbstischen Lebens kennt Der Christ betet um Erlösung vom Übel, aber er beugt ach dem Willen des Gottes der Liebe, der das Kreuz dennoch ihm auflädt, damit er nach dem Bilde des Erlösers durch es zu Gott gelange. Leidenjßverhütung nur um hedonischer Zwecke willen ist nicht christlich. Aber die unchristliche Grausamkeit eines modernen Krieges nicht abzuwenden helfen, ist ebensowenig christlich. Doch der Christ weiß, daß nicht seine Arbeit allein sie abwenden kann, und er sieht die Tragik der Sünde und das furchtbare Geheimnis Gottes, wenn sie dennoch eintritt. Der humanistische Pazifismus ist Gegner des Krieges um der Menschenwürde willen. Aber diese humanistische Würde ist ein anderes als die Würde des erlösten Gotteskindes und die Menschenliebe ein anderes als die Bruderliebe zum Nächsten, aus dessen Not eine Gottesforderung den Bruder anspricht. Die Nächstenliebe stellt sich in den Dienst der Friedensarbeit, aber sie vertraut dem rein Humanen nicht in dem Maße, wie ihm eine Überschätzung des Menschenwesens traut, die die Sünde in ihrer Wirklichkeit im Menschen nicht mehr sieht. Sie vertraut Rechtsabkommen und -Institutionen nicht allein, sie sieht eine tiefere Garantie des Friedens in der Weckung christlichen Liebesgeistes in den Gliedern aller Völker und weiß doch um die Begrenztheit auch der Liebe gegenüber der Macht des Bösen. Der „ewige Friede" als Rechtsverhältnis der Völker gilt auch dem Christen als ein Ideal, das zu erstreben ist trotz des „radikalen Bösen" im Menschen — dieser Kantische Glaube 10 137