Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Katholizismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 131 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899735--03533-2899793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Theodor Steinbüchel: Katholizismus und Völkerfriede lieh ist, und weil die Wirklichkeitsformen, in denen Gottes Ideen sich darstellen, nur endliche Nachahmungen der unendlichen Seinsfülle Gottes sein können. Nur der Schöpfer hat eine adäquate Kenntnis der Schöpfung. Und hätte der Menschengeist nicht irgendeine Teilhabe an Gottes Geist, so erkennte er von Gottes Werk nichts. Auch der menschliche Geist ist Schöpfung Gottes und Symbol, Gleichnis des göttlichen Urgeistes. Dieser religiös fundierte, von Gott her sich begründende „Irrationalismus" katholischer Erkenntnishaltung ist kein totaler, weil er das Wirkliche selbst glaubt erfassen zu können. Diese Haltung ist dennoch kein Rationalismus, weil in der erfassenden ratio selbst schon ein Unbegreifliches gegeben ist: Sie ist selbst Repräsentation des göttlichen Geistes im menschlichen Geiste, und weil in ihrem Gegenstande, dem Seienden, gleichfalls eine Repräsentation des Ewigen liegt: die Darstellung göttlicher Schöpferideen. Das Ewige kann aber nur durch das Zeitliche hindurch erfaßt werden, und von Gott wissen wir durch seine endliche Schöpfung. Das Zeitlich-Endliche ist aber nie adäquat dem Ewig-Unendlichen. Das menschliche Erkennen bleibt, weil selbst endliches Symbol des göttlichen Erkennens und weil auf Gegenstande gerichtet, die ihrerseits Darstellungen göttlicher Ideen sind, beschränkt durch die Wirklichkeit des unerkennbaren, in Endlichkeitsbegriffen nie restlos zu erfassenden Gottes. Für die gläubig-religiöse Ehrfurchtshaltung bleibt Gott unbegreiflich, und die Welt, im religiösen Begriff der „Schöpfung" erfaßt, kündet den Schöpfer, aber sie kündet ihn in ihren unzulänglich-endlichen Wirklichkeitsformen. Gott begrenzt die Welt des Relativen als der einzig Absolute, das Bedingte als der Unbedingte. Über aller bedingten Erkenntnis des Wirklichen durch den selbst durch Gott bedingten Menschengeist, über aller „Wissenschaft", steht die absolute Erkenntnis des Gottesgeistes. Nur im Gefolge dieser grundsätzlichen Erkenntnishaltung ist die Stellungnahme katholischen Denkens zu der Frage Krieg und Friede verständlich. Es genügt ihm nicht, ein absolut gültiges pazifistisches Ideal aufzustellen, ohne über die Grenze seiner Verwirklichungsmöglichkeit in der realen Welt der Geschichte klar zu werden. Es genügt ebensowenig, den Krieg als unabwendbares Schicksal anzusprechen, ohne sich über die Möglichkeit seiner Abwendung in der konkret-wirklichen Geschichtssituation Rechenschaft zu geben. Den Katholiken hindert sein Respekt vor dem Wirklichen, die Wirklichkeit zugunsten eines Ideals zu übersehen. Sich ihr zu verschließen in quietistischer Übernahme eines 131