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Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 128

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
Date
1929-06-01
Page
128 (sequence 21)
Language
German
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Deutscher Protestantismus und Völkerfriede Einen Weg zu deren Beantwortung in der Gegenwart zeigt sowohl der Schlußgedanke in Luthers Schrift von i52Ö, der dem Krieger zumutet, in ungerechtem Waffengang den Dienst zu verweigern, als auch die im 19. Jahrhundert selbstverständlich gewordene Anerkennung von Heimat und Volk als verpflichtenden Gottesgaben. Indem nämlich der Mensch der Gegenwart infolge unserer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu aktiver Verantwortung herangezogen wird, hat er mitzuentscheiden, ob und wann und wie Krieg sein soll. Der Christ ist — wie jeder andere — mitverpflichtet, und die organisierten Kirchen wurden sich einer schweren Unterlassungssünde schuldig machen, wenn sie nicht mithelfen wollten, das öffentliche Gewissen zu schärfen. In dem Augenblick aber, wo wir nicht mehr bloß zu einem gewitterartig über uns hereinbrechenden Krieg Stellung nehmen müssen, sondern selbst sagen müssen, welcher Art die Politik zwischen den Völkern sein soll, kann kaum mehr ein Zweifel über die Antwort bestehen. Der deutsche Protestantismus kann unmöglich die Arbeit für den Frieden anderen Mächten überlassen. Er hat — mindestens zusammen mit der übrigen Christenheit15) — dafür einzutreten, daß Institutionen wie Schiedsgericht, Völkerbund, Volksentscheid, Minderheitenschutz in einer Atmosphäre möglichster Gerechtigkeit und Friedfertigkeit gedeihen. Es ist ein grober Irrtum zu meinen, dadurch werde der nationale Wille geschwächt. Ganz im Gegenteil! Nur so wird in zeitgemäßer Form wirklich der Heimat und dem Volk ein Dienst erwiesen. Ist doch der Waffendienst, wenn er im rechten Geiste geschieht, selbst nur eine Form der Hingabe an das Vaterland! Aber er ist nicht die einzige und vor allem nicht zu jeder Zeit die höchste Form dieser Hingabe. Dem Vaterlande dienen, heißt in einem tieferen Sinne: der Zukunft dienen, also nicht bloß ehren, was wir ererbt, sondern auch Vorsorge treffen für die, die nach uns kommen. In dem Roman von Ernst Glaeser „Jahrgang 1902" steht ein ergreifendes Wort über die Not, in die eine Jugend gebracht wird, wenn die ältere Generation im herkömmlichen Stile darauf loslebt und im Augenblick einer großen Entscheidung nichts anderes zu tun weiß, als das Althergebrachte zu wiederholen. In solcher Lage sagt ein französischer Knabe zu seinem deutschen Spielgefährten, von dem er sich trennen muß: „La guerre — ce sont nos parents, mon ami." 121

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