Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
Date
1929-06-01
Page
123 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899734--03523-2899784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heinrich Frick en masse" vereint die Leidenschaft der Revolution mit der Glut der Vater- Landsliebe. Sie reißt das ganze Volk, sogar die Frauen, mit sich, fort und drückt jedem Wehrfähigen die Waffe in die Hand. Auf deutschem Boden wiederholt sich der Vorgang in den Freiheitskriegen. Luthers Fragestellung ist damit nach jeder Richtung hin überholt, wenn auch der Kern seiner Antwort unangetastet bleibt. Das Kriegsereignis selbst ragt weit hinaus über das individualistische Interesse am Seelenheil des einzelnen Soldaten. Nation, Vaterland, Leben und Ehre des Volkes, das sind die durch Natur und Geschichte jedem einzelnen vorgesetzten Autoritäten. Der christliche Krieger kann für sich privatim Gebrauch machen von dem lutherischen Gewissenstrost Das Kriegsereignis selbst hangt zwangsläufig zusammen mit der „großen Sache", deretwegen allein überhaupt das Einzelleben sich lohnen soll. Auf diese Weise ließen sich im demokratisierten Krieg des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts nebeneinander festhalten eine Christlichkeit, die der Einzelne innerlich und persönlich im Herzen trug, und eine Kriegsbegeisterung, die sich als durchgängige Volksgesinnung an den heiligen Gütern der Heimat und des Staates immer neu entzündete. Aber auch diese Synthese ist überholt, — schon deshalb, weil der Krieg der Zukunft die bisher vorausgesetzte nationalisierte und demokratisierte Kriegsführung nicht mehr kennen wird. Alle bisher besprochenen Perioden konnten immer ins Auge fassen den aktiv am Krieg beteiligten Christen. Ob es bloß die kleine Gruppe der Berufssoldaten oder ob es das neuzeitliche Volksheer war, immer stand der Christ vor der Frage, wie er sich, eingegliedert in solche Zusammenhänge, zu aktivem Kriegsdienst verhalte. Nur nebenbei kam man auch zu sprechen auf diejenigen Personen, die nicht aktiv, sondern nur leidend den Krieg erlebten. Doch glaubte man ihnen gegenüber mit den allgemeinen Losungen des Gehorsams, der Geduld, der Leidensbereitschaft und der nie aufzugebenden innerlichen Liebesgesinnung durchzukommen. Jetzt ist das nicht mehr möglich. Der Krieg der Zukunft wird die Masse der Bevölkerung ohne Ausnahme, Männer wie Frauen, Kinder wie Greise, außerordentlich in Mitleidenschaft ziehen, und zwar im wesentlichen nur noch passiv. Denn die modernen Kampfesmethoden, von denen wir das Beispiel der Hungerblockade an uns selbst entsetzlich gespürt haben, führen in Form des Gasangriffs, des Bazillenkrieges und anderer Scheußlichkeiten einfach zu einem Massaker friedlicher Bevölkerungsmassen, besonders in Industriezentren und Großstädten. Die letzte Konferenz über den Giftgaskrieg (Frankfurt a. M., Januar 1929) hat als Hauptergebnis 122

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.