Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
Date
1929-06-01
Page
120 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899734--03520-2899781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Deutscher Protestantismus und Völkerfriede moderner Pazifist, aber noch weniger ein moderner Militarist gewesen. Das, was von seinen Gedanken lebendig bleiben muß im sittlichen Bewußtsein des Protestantismus, ist vor allem dieses: wer beruflich ein Amt ausübt, handell als Glied des ganzen Gemeinwesens und kann deshalb in seinem Handeln nicht individualistisch beurteilt werden. Der Kriegerstand als solcher darf nicht mit dem Makel der Unchristlichkeit belegt werden. Solange unser Gemeinwesen die Waffen führt, ist derjenige, der im Einzelfalle die Waffe rechtmäßig gebraucht, Organ aller und folglich gegen die ethische Ächtung geschützt. Es wäre Heuchele^, wollte man den Schutz von Militär und Polizei genießen und gleichzeitig die Träger dieser Berufe sittlich beanstanden. Wir empfinden es aus dem gleichen Grunde als Verlogenheit und Verunglimpfung, wenn im Mittelalter der Scharfrichter gesellschaftlich geächtet ist, wo doch dieselbe Gesellschaft meint, ohne die Todesstrafe nicht auskommen zu können. Aber wir dürfen noch einen Schritt weitergehen. Bleibend wichtig an dem Gedankengang Luthers ist, daß ein Kriegsmann „in seligem Stande" sein kann, d. h. daß ein Mensch zugleich Christ und Soldat sein kann. Setzt man die ordnungsgemäße Ausübung seines militärischen Berufes voraus, so ist gegen den innerlichen Gedanken jener Schrift von 1526 nichts einzuwenden. Nicht bloß der Protestant, sondern jeder Christ muß zugeben, daß ein für die Gesellschaft lebensnotwendiger Beruf nicht grundsätzlich dem Christen verwehrt sein kann, oder besser umgekehrt: daß christlicher Glaube den einzelnen Menschen stark genug machen kann, um auch die gefährlichsten, fragwürdigsten Funktionen zur Erhaltung unseres Gemeinwesens auszuüben, ohne daß dadurch die Kraft des Evangeliums abgeschwächt wird. Als Berufstreue aus Glauben verstanden, gibt die Haltung des christlichen Soldaten im Kriege den Beweis dafür ab, daß auch inmitten einer Welt von Not und Tod ein in Gott geborgenes Herz getrost bleiben kann. Mit dieser Anschauung weiß sich der lutherische Protestantismus geschieden von all denen, die den .Kriegerstand als solchen für verwerflich halten. — Der zweite große Versuch, dem deutschen Christen ein positives Verhältnis zum Krieg zu geben, ist vor hundert Jahren gemacht worden. Nicht mehr ein Einzelner — wie etwa Fichte — findet das lösende Wort. Es sind zahllose Stimmen, die sich erheben, und sie reden aus dem Herzen des ganzen Volkes heraus, wenn sie ein Ideal entwerfen, das in so vielen vaterländischen Gesängen bis auf diesen Tag lebendig weiterwirkt. Die Erhebung des Volkes hat aus ge- 119

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.