Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 119 (sequence 12)
- Language
- German
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Heinrich Frick Ebenso gern wird noch heute der andere Grundgedanke jener Schrift angeführt, der eigentlich die Voraussetzung des ersten bildet: die Pflicht des Kriegsmannes, sich nach echter Christenart in die Grenzen seines „Berufes" zu schicken und zu tun, was seines Amtes ist, das Übrige aber Gott und der Obrigkeit zu überlassen. Leider übersehen viele Leser, daß beide Gedankengänge Luthers unter bestimmte Bedingungen gestellt sind. Nicht jeder Krieg ist ein Werk der Liebe, und nicht in jedem Falle ist der Kriegsmann bei seinem blutigen Handwerk durch das „Amt" vor persönlichen Vorwürfen geschützt Der Krieg muß „gerecht" sein, und der Kriegsmann muß die aus dem Christenglauben sich ergebende rechte Herzenshaltung haben. Beiden Bedingungen geht Luther sorgfältig nach, und er scheut sich nicht, die letzte Konsequenz daraus zu ziehen, nämlich bei gegebenen Umständen das Recht, ja die Pflicht zur Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen. Ich führe zum Beweis dafür die wichtigen Worte aus dem letzten Teil der Schrift an. .«Eine andere Frage: Wie, wenn mein Herr mit seinen Kriegen unrecht hätte! Antwort: Wenn du gewiß weißt, daß er unrecht hat, so sollst du Gott mehr fürchten und gehorchen als Menschen (Apg. k, ig und 5, 2g), und sollst nicht kriegen noch dienen; denn du kannst da vor Gott kein gutes Gewissen haben. Ja, sagst du, mein Herr zwingt mich, nimmt mir mein Lehen, gibt mir mein Geld, Lohn und Sold nicht; ferner würde ich vor der Welt verachtet und geschändet als ein Verzagter, ja als ein Treuloser, der seinen Herrn in Nöten verläßt usw. Antwort: Das mußt du wagen und um Gottes willen fahren lassen, was da fährt. Er kann dir's wohl hundertfältig wiedergeben, wie er im Evangelium verheißt: »Wer um meinetwillen verläßt Haus, Hof, Weib, Gut, der soll es hundertfältig wiederkriegen« usw. Muß man doch solcher Gefahr in allen anderen Werken, wo die Obrigkeit zwingt, unrecht zu tun, auch gewärtig sein. Aber weil Gott auch Vater und Mutter um seinetwillen verlassen haben will, so muß man freilich um seinetwillen auch den Herrn verlassen usw." Man muß heute einem einseitigen Zitieren von Luthers Worten «) gegenüber mit allem Nachdruck auf diese Stelle verweisen. Luther kann nicht einfach von denen in Anspruch genommen werden, die heutzutage ein positives Verhältnis zum Krieg von dem Christen verlangen. Denn je genauer der Gedankengang in den Rahmen der Schrift Luthers läuft, desto weniger kann man dem logischen Zwang entgehen, schließlich die Frage auf zuwerf en, wieweit sich ein Christ um Recht oder Unrecht eines jetzt ausbrechenden Krieges zu kümmern habe. Sobald aber ein Bewußtsein vom Unrecht eines bestimmten Krieges wach wird, tritt jener letzte Gedankengang Luthers in Kraft, der dem Kriegsmann zuruft: man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen! Das Mindeste, was man also von der gegenwärtigen Diskussion fordern muß, ist ein höheres Maß von Vorsicht im Anführen von Worten des Reformators. Luther ist kein 118