Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 118 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899734--03518-2899779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Deutscher Protestantismus und Völkerfriede immer neues Übersetzen des göttlichen Einspruchs und Anspruchs in die jeweils durch den Augenblick gebotene Form. Nun ist der Krieg, solange Menschen zurückdenken können, eine Hauptform der zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen gewesen. Aber der Glaube hängt nicht von den Verhältnissen ab, sondern sucht unabhängig von ihnen seinen Weg. Ob er das so macht, daß er sich in die Verhältnisse schickt, oder so, daß er die Verhältnisse selbst umwandelt, ist vom Kern des Glaubens aus zunächst eine sekundäre Frage. Hauptsache ist, daß sich der Glaube bewährt, d. h. daß — wie immer die Verhältnisse liegen — der Glaubende die Offenbarungsgewißheit durch alle Schwierigkeiten, Rätsel und Widerstände hindurch siegreich bewahrt Nur wenn man von hier aus die Diskussion über Krieg und Frieden entwickelt, hat man Aussicht, das Ohr des gläubigen Menschen zu treffen. Fragen wir sofort nach dem Stande der Diskussion im bewußten Protestantismus deutscher Zunge. Da ist vor allem wichtig, daß es in unserer Vergangenheit bisher zwei große Übersetzungen des Rechtfertigungsglaubens in das Kriegserlebnis gegeben hat Die erste Übersetzung stammt von Luther selbst; die zweite ist aus dem Geistesringen der Freiheitskriege hervorgegangen. Schon diese beiden geschichtlichen Daten lassen es begreiflich erscheinen, daß die damals geprägten Losungen nicht leicht überhört werden können, sondern noch jetzt eine Erörterung verdienen. Vor allem aber begreift man die Wichtigkeit jener Gedankengänge über den Christen im Krieg, sobald man sich ihrem eigentlichen Inhalt zuwendet. Der erste typisch protestantische Versuch, christlicherweise mit dem Rätsel des Krieges fertig zu werden, stammt von Martin Luther. Es genügt in unserem Zusammenhang, auf seine bekannte Schrift zu verweisen: „Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können" i52Ö. Weithin bekannt, geradezu zum Allgemeingut deutscher Gedankengänge über den Krieg ist ein Gedankengang geworden, den Luther dort vorträgt. Er erinnert den Leser an das Werk des Arztes, der ja auch, „wenn die Krankheit so böse und groß ist, Hand, Füße, Ohr oder Augen abhauen oder verderben lassen muß, um den Leib zu retten, >— sieht man das Glied an, das er abhaut, so scheint es, er sei ein greulicher, unbarmherziger Mensch; sieht man aber den Leib an, den er damit erretten will, so findet es sich in Wahrheit, daß er ein trefflicher, treuer Mensch ist und ein gutes, christliches Werk tut." In diesem Zusammenhang fällt das oft mißbrauchte Wort, auch der Krieg sei unter Umständen „ein Werk der Liebe". 117