Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 117 (sequence 10)
- Language
- German
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Heinrich Frick allem an zwei Ursachen. Einmal ist aus äußeren Gründen das Gebiet politischer Tat gerade dem Urchristentum außerordentlich fern gewesen. Eine Tatsache sei genannt: das Weltreich hatte die Völker des Kulturkreises unter die „p a x Romana" gesammelt. Damit war, wenn auch nur bedingter Weise, wenigstens äußerlich ein Völkerfriede hergestellt. Die viel wichtigere, innere Ursache jedoch ist darin zu suchen, daß jene Verwandlung des Wunschzieles in ein Arbeitsziel die Christenheit vor eine täglich neue Aufgabe stellt. Der im III. Glaubensartikel gemeinte Geist ist Gott selbst als der immerzu Wirksame, der uns selbst in eine unaufhörliche Tätigkeit hineinzieht Die Offenbarungsgewißheit meint ja nicht, daß Gott als zeitlich und räumlich abgeschlossene, fertige Größe angeschaut werden könne, sondern sie macht den Glaubenden zum lebendigen Glied in einem großen, lebendigen Organismus. Dieser Organismus wird regiert vom Geist und verpflichtet infolgedessen jedes Glied dazu, täglich neu in den Gehorsam gegen das Haupt zu treten. Christliche Friedensarbeit ist also notwendigerweise Fried ensbewegung und kommt politisch darauf hinaus, für jeden gegebenen geschichtlichen Augenblick die ihm entsprechende Form zu suchen, in die hinein das einstige Wunschziel sich übersetzen läßt. Die Autorität der Bibel kann nicht mechanisch verstanden werden. Auch die Friedensfrage läßt sich nicht mit friedlichen oder kriegerischen Zitaten lösen. Vielmehr bewährt sich auch hier die Auffassung von der Heiligen Schrift als eines „Formalprinzips", d. h. der Protestantismus orientiert sich an der Bibel, um die rechte Einstellung, gleichsam die Zielrichtung in seiner Bewegung zu bewahren. Wie dagegen inhaltlich die Botschaft jeweils verwirklicht werden soll, das kann nur im Zusammenhang mit dem „Materialprinzip" erörtert werden.10) Darüber müssen wir noch weitere Überlegungen anstellen. III. Es ist in unserem Zusammenhang nicht nötig, darauf einzugehen, wie das Materialprinzip des Protestantismus formuliert werden soll. Abgesehen davon, daß man dies kaum in solcher Kürze zuverlässig tun kann, bleibt besonders zu bedenken, daß für uns entscheidend ist das Moment der Veränderlichkeit, zu dem sich jeder echte Geistgläubige bekennt. Wer von Gott überhaupt als von dem lebendigen Geist in rastloser, schöpferischer Tätigkeit weiß, versieht auch seine Aufforderung an uns, täglich neu zu handeln. Dieses Neue im täglichen Buß-Glauben bedeutet nicht Bruch mit dem Alten, sondern es meint: 116