Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 116 (sequence 9)
- Language
- German
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Deutschar Protestantismus und Völkerfriede erst am Ende der Tage wird das messianische Reich kommen und die Erfüllung der Friedenssehnsucht bringen. Weil nämlich in diesem Aeon Juda und die Heiden nicht bereit sind, sich dem Willen Gottes völlig zu beugen, kann es auch nicht wahren Frieden geben, bevor Er selbst mit starkem Arm eingreift, um die Menschen bis ins innerste Herz und bis in die Weite der Völker umzuwandeln. Deshalb steht der Friede zwischen den Nationen an den Hauptstellen des Alten Testamentes da als ein Wunschziel, das die Hoffnung am Horizont der prophetischen Sehnsucht erspäht. Im Neuen Testament herrscht grundsätzlich das gleiche Gedankenschema. Friede ist etwas, sofern er von Gott ausgeht; seine weltweite, völkerverbindende, irdisch siegreiche Erscheinung wird er am Ende der Tage bei der glorreichen Ankunft des Messias Jesus finden. Trotzdem ist zugleich alles anders als im Alten Testament Sofern nämlich das ehedem bloß Erhoffte in Jesus als erschienene Erfüllung geglaubt wird, zieht durch die alten, immer wieder gebrauchten Worte ein neuer Klang. Man hat gelegentlich von „Besitzerfreude" gesprochen, um die Besonderheit des urchristlichen Selbstgefühls zu kennzeichnen. Besser nennt man diesen eigenartigen Zug: Offenbarungsgewißheit. Das bedeutet nun für unsere Frage, daß erstens die von Gott gespendete innerliche Kraft des Friedens schon jetzt und hier ausstrahlt in alleVerhältnisse hinein. Weil Er, der Friedensfürst, gegenwärtig ist, herrscht Friede, soweit Menschen an Ihn glauben, und es kann eigentlich eine Begrenzung des Friedens nur in unserer Schwachheit, nicht aber in objektiven Tatbeständen ihren Grund haben. Es hieße ja die Grenzenlosigkeit Seines Weltregimentes bestreiten, wollte man wider Ihn stärkere Konkurrenten setzen. Für uns noch wichtiger ist die zweite Folgerung, die der radikale Christ aus der Offenbarungsgewißheit zieht: die Verwirklichung des Aufrufs zum Frieden kann nicht auf die Zukunft verschoben werden. Vielmehr sehen wir schon jetzt und hier wie die Offenbarungsgewißheit das ehemalige Wunschziel verwandelt in ein Arbeits- und Willensziel. Im Grunde genommen ist eben dies gemeint, wenn man feststellt, für das Urchristentum sei bezeichnend gewesen die besondere Kraft der „Liebe". Liebe soll hier so viel sagen wie göttliche Energie, kraft deren heute und hier sichtbar wird, was die Seher und Beter des Alten, Bundes am Horizont als Verheißung wahrnahmen. Ansätze dazu, auch den politischen Frieden im Rahmen der allgemeinen, christlichen Friedensbotschaft zu verwirklichen, gab es schon früh in der Kirche.9) Daß diese Ansätze verhältnismäßig schwach erscheinen, liegt vor \\5