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Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 115

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
Date
1929-06-01
Page
115 (sequence 8)
Language
German
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„Heinrich Frick biblischer Wendungen bedient, desto vorsichtiger die Kirchen zu prüfen haben. Bekanntlich hat die geschichtliche Umwandlung ursprünglich religiöser Motive in große öffentliche Bewegungen neben viel Gewinn immer auch bedeutet, daß der ursprüngliche Sinn verloren ging oder wenigstens stark verdorben wurde. So erklärt es sich auch, daß man gegen einen Pazifismus, der „das Reich Gotf cs verwirklichen" will, nirgends so mißtrauisch ist, als gerade dort, wo der Glaube an das kommende Reich seinen Heimatboden hat: im biblisch orientierten Protestantismus. — Die bisher angestellten Überlegungen konnten natürlich weder eine gerechte Würdigung der modernen Friedensbewegung noch einen richtigen Einblick in die protestantische Anschauung von Frieden und Krieg gewähren. Dazu sind sie viel zu kurz. Ihr Sinn war einzig der, verständlich zu machen, weshalb Pazifismus und Protestantismus nicht ohne weiteres zusammengehen können, sondern im Gegenteil starke Spannungen untereinander empfinden. Unsere nächste Aufgabe muß es sein, in Kürze zu zeigen, von welchen Grundlagen aus der Protestantismus sich der Frage „Krieg oder Friede" nähert. IL In der wissenschaftlichen Konfessionskunde pflegt man zur Charakteristik eines Bekenntnisses ein Formal- und ein Materialprinzip anzuführen. Das eine gibt Antwort auf die Frage, wo die Konfession ihre Autorität findet; das zweite will zeigen, welcher Inhalt von der äußeren Autorität als Wahrheit vorgeschrieben wird. Formalprinzip des Protestantismus ist in diesem Sinne die Bibel, sein Materialprinzip die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben. Wenden wir diese Grundsätze auf die Friedensfrage an, so ergeben sich mancherlei wichtige Ansichten. Was die Bibel über den Frieden sagt, ist nicht mit einem Satz zu erledigen. Wie schon sprachlich die hebräischen und die griechischen Begriffe für unser deutsches Wort „Friede"* überaus häufig in der Heiligen Schrift vorkommen, so umspannt auch sachlich der Begriff „Friede" in der Bibel eine ganze Welt Prophetenworte und Psalmverse variieren dieses Thema vielfältig. Charakteristisch für sie ist, daß das Reich des Friedens gleichsam in Sphären geschaut wird, in deren Mittelpunkt der Gehorsam gegen Gottes Gesetz steht. Wie das Wort Gottes keine Grenzen für seine Gültigkeit kennt, wie der gebotene Gehorsam allen vorgeschrieben ist, so reicht der Friedenswille Gottes auch hinein in die Völkerwelt. Doch nicht jetzt, sondern 114

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