Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 114 (sequence 7)
- Language
- German
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Deutscher Protestantismus und Völkerfriede daß von „Glück" nur in einem, höheren, übertragenen Sinne die Rede sein kann, wenn es sich um die den Kirchen von Gott aufgetragene Botschaft handelt. Gewiß will alle echte Religion, will auch das Evangelium in einem letzten, absoluten Sinn die Menschen „glücklich" machen. Aber dieses Glück ist in keinem Falle einfach das irdische, zeitliche, und in sehr vielen Fällen so beschaffen, daß gerade das irdische Glück am Glauben zerbrechen muß. Infolgedessen kann sich die Kirche mit einem Geschichtsbilde, das den Fortschritt von der Roheit zur Humanität zum Inhalt hat, nicht zufrieden geben. Wie am einzelnen Menschen, so sieht die Kirche auch im Völkerleben eine Tragik walten, der der wahrhaft lebendige Mensch nur durch den Heroismus des Glaubens, „ohne zu schauen", nicht aber durch Glücksstreben gewachsen ist. Ein einseitiger Appell an das Gefühl für die Menschenunwürdigkeit des Krieges8) übersieht, daß nicht bloß der Krieg, sondern daß tausend Formen des Lebens „menschenunwürdig", ja — im religiösen Sinne — menschenverderbend sind, oft in noch viel höherem Maße, als ein Krieg. — Deshalb kann es nicht wundernehmen, daß der moderne Pazifismus seine kräftigste Gestalt erst in denjenigen Kreisen gefunden hat, die weder bloß mit Verstandesgründen, noch bloß mit Gefühlserregung arbeiten, sondern die vor allen Dingen im umfassenden Sinne Vernunft und Wille des gegenwärtigen Geschlechts für die Beseitigung des Krieges in Anspruch nehmen möchten. Zu, diesem „programmatischen" Pazifismus gehören die hauptsächlichsten Organisationen, die es heute gegen den Krieg gibt. Und gerade sie sind in besonderem Maße ausgerüstet mit Ideologien, denen die Kirchen nicht ohne weiteres beipflichten können. Man muß bedenken, daß von den westlichen Ländern her vor allem drei große Ansichten von der Menschheit und ihrer Geschichte in Kurs gesetzt worden sind. Frankreich ist Hauptträger eines aufgeklärten Humanitätsglaubens, für den die Kriegsfrage eine Teilfrage im großen Prozeß der heranwachsenden Menschheitskultur der Zukunft ist. Britannien sieht das Friedensideal konkret als die durch das Imperium verwirklichte „pax Britannica". Nordamerika schließlich hat bei aller Verwandtschaft mit französischen und angelsächsischen Idealen noch einen besonderen Einschlag in die Friedensbewegung gebracht: die Vorstellung von der Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden (realisation of the kingdom of God on earth), und zwar auf dem Wege entschlossener Zivilisation. Es mag verwunderlich klingen, aber es ist begreiflich, daß je mehr sich ein solches Programm christlicher und 113