Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Deutscher Protestantismus und Völkerfriede
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 113 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895486-2899734--03513-2899774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heinrich Frick des Friedenswillens beruhigen. Sie haben die Pflicht, der Öffentlichkeit die Wahrheit zu zeigen und ihr die echte Stufenfolge der Lebenswerte zu verkünden. Es gibt Wirklichkeiten, die mehr Macht über uns verdienen — und sie an Höhepunkten unseres Daseins auch tatsächlich haben — als das Geld. Ehre, Tapferkeit, Vaterlandsliebe, all die so oft mißbrauchten und doch in ihrem wahren Gehalt auch durch allen Mißbrauch nicht geschwächten Losungen des Idealismus können nicht einfach im Winde verhallen. Gewiß erschöpft sich der Beruf der Kirche nicht darin, praktischen Idealismus zu predigen. Denn zwischen „Idealismus" und der Botschaft von Gottes Offenbarung bestehen große Unterschiede, ja Spannungen. Aber in der Abwehr einer egoistischen Lebensführung sind beide einig, und zwar nicht bloß aus gemeinsamer ethischer Haltung heraus, sondern in einer grundsätzlichen Überlegung über das Wesen des Wirklichen. Jene wirtschaftliche Berechnung will mit dem Verstände, auf „vernünftige" Weise das Leben der Völker meistern. Niemals aber können bewußt evangelische Kirchen zugeben, daß damit das Leben richtig gedeutet sei. Denn weiter und tiefer, vor allem geheimnisvoller als das Bereich des Verstandes dehnen sich irrationale Bezirke aus, in die kein Verstand, am wenigsten der des wirtschaftlichen Rechnens eindringt. — Tatsächlich hat sich der Pazifismus kaum jemals bloß auf Verstandesgründe gestützt. Zumal in der öffentlichen Werbearbeit werden meistens noch ganz andere Kräfte aufgerufen. Ich möchte in dieser Hinsicht sprechen von einem gefühlsmäßigen Pazifismus. Er appelliert an das einfache menschliche Gefühl. Empfindet nicht jeder, wie barbarisch es ist, daß die Völker untereinander Kampfesmethoden anwenden, deren man sich privatim zu Tod schämen würde? Hunger, Gasvergiftung, Mord auf jede nur denkbare Weise, das sind die Formen, in denen kriegführende Staaten ihre Konflikte austragen. Ist das in Ordnung? Liegt es nicht nahe, auch für dieses Gebiet zu fordern, daß an die Stelle der Gewalt das Schiedsgericht, an die Stelle der Roheit die Humanität tritt? Warum sollte der Ersatz des Faustrechtes durch geistigere Methoden, der sich im Inneren jedes geordneten Staatswesens durchgesetzt hat, nicht auch zwischen den Völkern zu erreichen sein?! Kein besonnener Mensch kann sich derartigen Überlegungen auf die Dauer entziehen. Trotzdem haben auch hier die Kirchen berechtigten Anlaß zum Zweifel. Leicht verschiebt sich jene Erwartung des Fortschritts zur Humanität in den Wunsch nach glücklicheren Daseinsformen. Ohne hier die Frage nach Recht und Sinn des menschlichen Glücksbedürfnisses zu untersuchen, darf man sagen, l\2