Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Religiöse Toleranz
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 89 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895485-2899580--03463-2899708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Religiöse Toleranz Stadt sich spiegelt. Und dieser Mensch in seiner individuellen Eigenart gehört mit zu dem Ganzen, um dessen Sinn wir uns mühen. Die Mannigfaltigkeit menschlicher Sinngebungen ist selbst nicht sinnlos, sie macht zugleich den Reichtum und den Stolz der menschlichen Welt. In ähnlichem Sinne spricht Lessing selbst . zu uns — und dies ist das Zweite, womit er über den eigentlichen Spruch des Richters hinausgeht. Möglich, so heißt es in der Geschichte von den Ringen, daß der Vater nun die Tyrannei des einen Ringes nicht länger dulden wollte. Und in der .Tat! Sollte jene Uniform des Glaubens, jene Tyrannis einer Wahrheit vom Sinn der Welt als Höchstes zu denken und zu wollen sein? Ist nicht mit der Vielfalt der Wertsetzungen, der Zielbestimmungen, der Sinngebungen ein Höheres und Erfreulicheres gegeben und zugleich, etwas, das dem Tatbestand der menschlichen Differenziertheit und Individualität mehr entspricht, als ein ausschließender Glauben? Es gilt, die Mannigfaltigkeit der Religionen freudig zu bejahen. Wir können sie bejahen. Und Lessing selbst tut es in Wahrheit in der Geschichte seines „Nathan". Und dies ist das dritte Moment, das uns über das Ergebnis der Ringgeschichte hinaus auf ein Höheres verweist. Der echte Glaube, so wurde uns gesagt, hat die Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Leben wir aus dem Ideal unseres Glaubens, so wird die Zukunft erweisen, wer im Besitze des wahren ist. Nur er wird auf die Dauer und bis zum Ende gut und glücklich sein können. Nur er wird sich bebewähren vor dem Forum der Geschichte. Aber wie? Ist diese Frage nicht schon entschieden? In den Gestalten des Dramas selbst? Da sind ja nun der Jude, der Christ, der Muselmann: Nathan und der Tempelherr und der Sultan. Sie alle hal>en aus dem Geist, aus der Sinngebung ihres Glaubens heraus gelebt. Und sie sind ja doch alle in ihrer Weise gute und glückliche Menschen geworden 1 ""In der Tat! sie haben nicht not, auf den Richter über tausend tausend Jahre zu warten. Sie selbst sind die Antwort auf die Frage der drei Brüder!: Ein jeder der drei Ringe ist echt! ein jeder Glaube wahr, für den, der ihn mit ganzem Herzen lebt! So aber eröffnet sich uns nun ein neuer Begriff von Religion überhaupt. Nicht die Bindung an bestimmte Dogmen vom Sinn der Welt ist entscheidend für die wahre Religion. Ob ein Gott der Gerechtigkeit oder ein Gott der Gnade, ob ein Gott des Friedens oder ein Gott des Kampfes, ob ein Gott der Erde oder ein Gott der Erlösung oder das reine Sein einer ewig schaffenden Natur den Sinn der Welt für uns bedeutet, entscheidend für die Echtheit einer Religion ist allein dies: daß sie Bindung, religio, Hingabe an einen Sinn der Welt überhaupt verkörpert! Das allein ist gewichtig, daß dies Leben nicht stumpf und gleichgültig bloß gelebt und hingenommen wird, sondern, daß es erfahren und daß es gelebt wird als ein sinnvolles Ganzes: sub quadam specie aeterni, unter dem Bilde eines göttlichen Seins... Wir sind heut kaum mehr rein und ausschließlich dem Dogma einer Kon- 89