Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Religiöse Toleranz
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 88 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Margolius und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle!, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" Die reine Wahrheit ist nicht Menschensache. Dem Menschen ziemt allein der stete Trieb, das stete Streben nach Wahrheit. Wie sollte ihm dann mit der Wahrheit ein Gut gegeben sein? Wir haben nicht not, uns auf die Zukunft und den weiseren Richter vertrösten zu lassen. Die Wahrheit, die er uns geben soll, wollen wir nicht. Und kein Richter kann dem Wahrheit geben, dem Wahrheit zu empfangen nicht gebührt. Uns aber gebührt allein das erstrebte Wahre, das ist die Ansicht, das Sinnbild, das Gleichnis des Seins. Denken wir uns1) eine Stadt auf einem hohen Berge, unzugänglich für alle, die rings um den Berg in den Dörfern und Städten der Täler ihre Wohnung haben! Wir wohnen in diesen Dörfern und Städten und können die Stadt auf dem Berge nie ganz, nie von innen; sehen. Doch schauen wir täglich zu ihr hinauf, uns ein Bild von ihr zu machen. Aber alle unsre Bilder von ihr bleiben doch bloße Ansicht, bleiben perspektivisch gebunden: ein Gleichnis, kein Abbild der Stadt. Wir können in den Sinn der Welt nicht hinein, ihn gleichsam von innen zu sehen. Wir können allein aus der Perspektive unseres endlichen Lebens zum Ganzen aufschauen und dem nachtrachten, was uns von ihm als Sinn sichtbar zu werden vermag. Das aber heißt zugleich, daß vom Sinn der Welt viele und verschiedene Bilder für uns sind. Nicht allein, daß wir die Stadt auf dem Berge nie betreten können, daß wir statt eines Abbilds uns mit einer Ansicht begnügen müssen, ein jeder von uns wird seine Ansicht haben, je nach der Lage seiner Wohnung, je nach dem Standort, von dem aus sein Blick sich erhebt. So haben wir statt der einen Wahrheit die Vielfalt des Strebens zur Wahrheit. Gewiß, daß in allem Streben Eines gemeint ist. Was wir faktisch haben, ist doch eine Vielzahl von Ansichten, eine Vielzahl von Religionen. Und eine jede von ihnen kann jeder anderen gleich sein an Wert. Aber ist dies nicht notwendig der Grund unendlicher Verwirrungen? Nikolaus von Kues hat auf unsere Frage die Antwort gegeben. Wenn wir das Unendliche der Gottheit mit endlichen Augen nur im Gleichnis zu sehen vermögen, so daß viele Gleichnisse, viele Ansichten von ihm sind, wie viele Worte verschiedener Sprachen von einem Ding, so ist die Vielzahl der Gleichnisse in Wahrheit alles andere als ein Verlust für uns. Sie ist in Wahrheit: Gewinn; gibt sie doch die Möglichkeit, jenes Göttliche, jenen Sinn der Welt, den wir nie ganz, nie von innen zu durchschauen vermögen, doch jedenfalls von vielen Seiten zu sehen. Und mehr! Gewiß: wir haben die Wahrheit nicht. Aber in den Gleichnissen der Wahrheit haben wir zugleich mehr als ein bloßes Abbild des Tatbestandes. Wir haben nur Ansichten und Spiegelungen jener Stadt auf dem Berge! Aber in diesen ist nicht nur die Stadt, sondern zugleich der besondere Mensch, in dessen Blick die *) Ich varKere eine Allegorie von Bergson. 88