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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Religiöse Toleranz
Date
1929-04-01
Page
90 (sequence 5)
Language
German
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Hans Margolius: Religiöse Toleranz fession gehörig. Wir haben vielleicht an allen Anteil und sind zugleich darüber noch hinaus erfüllt von den Sinngebungen und „Konfessionen" der großen Dichter und Denker vieler Zeiten und Völker. Vielleicht der eine oder der andere von uns in der Hauptsache enger, vielleicht sehr enge angelehnt an die Satzung einer bestimmten Kirche. Doch im ganzen genommen ein jeder gewiß allein Träger seines eigensten, persönlichsten Glaubens! Es sind nicht mehr drei Ringe unter uns, sondern tausend und tausend und am Ende soviel Ringe, als gute Menschen sind! Ein jeder Ring aber ist echt, wenn es nur überhaupt ein Ring ist, der das wirre Durcheinander der Geschehnisse des Lebens in einem Ziel, in einem Sinn zusammenfaßt, — ein jeder Glaube echt, wenn es nur überhaupt ein Glaube ist: Bindung an einen Sinn der Welt, an irgendeinen Sinn, aus dem heraus wir leben: in jeder Schickung und mit jeder Tat, aus ganzem Herzen und mit ganzer Liebe. „Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach." Dies ist das Evangelium der religiösen Toleranz, das Lessing uns zu geben hat. Es klang sehr fremd, in seiner Zeit. Es klingt uns heut vertrauter. Die Auflösung der starren Dogmatik der Konfessionen kommt dem Gedanken der religiösen Toleranz entgegen. Er ist darum, ja gerade darum, auch für uns von Bedeutung, wollen wir nicht mit den Dogmen der Religionen alle Religion überhaupt verlieren. Gegen alle dogmatische Erstarrung und zugleich gegen die Auflösung aller Bindungen des Glaubens, — so bleibt Lessings Predigt der religiösen Toleranz eine Weisung und Botschaft für alle Zeiten unseres Geschlechts: „Es eifre jeder sein er Liebe nach!" 90

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