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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 87

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Religiöse Toleranz
Date
1929-04-01
Page
87 (sequence 2)
Language
German
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Hans MargoKus: Religiöse Toleranz Wie ist die Antwort, die Lessing uns gibt? „Vor grauen Jahren lebt ein Mann im Osten, Der einen Ring von unschätzbarem Wert Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte, Und hatte die geheime Kraft, vor Gott Und Menschen angenehm. zu machen, wer In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, Daß ihn der Mann im Osten darum nie Vom Finger ließ und die Verfügung traf, Auf ewig ihn bei seinem Hause zu Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring Von seinen Söhnen dem Geliebtesten; Und setzte fest, daß dieser wiederum Den Ring von seinen Söhnen dem vermache. Der ihm der Liebste sei ... ." „So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, Auf einen Vater endlich von drei Söhnen, Die alle drei ihm gleich gehorsam waren, Die alle drei er folglich gleich zu heben Sich nicht entbrechen konnte „. . . . Was zu tun? Er sendet in geheim zu einem Künstler, Bei dem er nach dem Muster seines Ringes Zwei andere bestellt, und weder Kosten Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich, Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt, Kann selbst der Vater seinen Musterring Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft. Er seine Söhne, jeden insbesondere; Gibt jedem insbesondere seinen Segen, — Und seinen Ring, — und stirbt. — „Kaum war der Vater tot, so kommt ein jeder Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht Erweislich; — Fast so unerweislich, als Uns jetzt — der rechte Glaube." Die Söhne aber gehen zum Richter. „---- Hat von Euch jeder seinen Ring von seinem Vater, So glaube jeder sicher seinen Ring Den echten. — Möglich, daß der Vater nun Die Tyrannei des einen Rings nicht länger "In seinem Hause dulden wollen! — Und gewiß, Daß er euch alle drei geliebt, und gleich Geliebt____" „____Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochenen, Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring An Tag zu legen! . —" „----Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bei euren Kindes-Kindeskindern äußern, So lad ich über tausend tausend Jahre Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen, Als ich; und sprechen. Geht! — So sagte der Bescheidene Richter." Dies also ist die Antwort auf die Frage nach der wahren Religion, dies die Weisung, die Lessing uns gibt: Wir wissen nicht, welche Religion die wahre, welcher Ring der echte ist. Nur Eines wissen wir: der echte Ring soll angenehm machen vor Gott und Menschen; die wahre Religion muß den, der ihr zugehört, vor allen anderen gut und glücklich machen. Aber freilich, bis auf den heutigen Tag glaubt doch ein jeder allein an seinen eigenen Glauben als die Bedingung aller Tugend und allen Glücks. So .heißt es denn, geduldig sein. Vielleicht .daß sich dann dereinst einmal erweist, welcher Glaube den Menschen am besten zu führen wußte. Bis dahin strebe ein jeder aus der Sinngebung seines Glaubens heraus sein Leben zu bauen, so gut er vermag! — Aber diese Antwort ist offensichtlich ungenügend. Sie befriedigt nicht ganz und scheint auch einer letzten Bestimmtheit zu entbehren. Doch sie ist auch tatsächlich keineswegs alles, was Lessing uns zu sagen hat. Dreierlei weist über sie hinaus zu näherer und höherer Bestimmung. Zunächst ein Wort aus den theologischen Streitschriften Lessings: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusätze, mich immer 87

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