Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Aufklärung, Romantik und Gegenwart
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 83 (sequence 11)
- Language
- German
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Aufklärung, Romantik und Gegenwart Unendliche, in ihrer Auflösung aller klaren Grenzziehung der Gegensatz zu Kant Die Entwicklung der Zeit der Romantik zeigt eine wachsende Entfremdung vom Geist der Kantischen Philosophie: Schiller ist „Kantianer", für Kleist ist die kritische Philosophie die trostloseste, die er sich denken kann, Fichte baut noch seine Ethik auf den kategorischen Imperativ, für Schleiermacher ist er eine „kalte Jury", die da in das warme Leben der menschlichen Gefühle, zwischen sie und die menschliche Tat gesetzt wird. Und bei Hegel wird das ganze Unterfangen der Vernunftkritik zu dem Unternehmen jenes Scholastikers, der schwimmen lernen wollte, ehe er ins Wasser ging. Die Romantik treibt zur Metaphysik und ihre Sehnsucht muß in der Mystik enden, als Sehnsucht nach der Selbstauflösung, nach dem Aufgehen im Unendlichen, in der Gottheit Aber dieser mystische Zug, dieser wachsende Kultus des Irrationalen bewirkt dann wieder den Rückschlag, den Gegensatz: in der wachsenden ironischen Stimmung, in der Mischung von Scherz und Ernst, bei der schließlich der Verfasser selbst nicht mehr weiß, wo der eine anfängt und der andre aufhört — in der Selbstironie, dem nichts mehr schonenden Spott als Selbstzweck, in den im „jungen Deutschland" diese romantische Ironie schließlich sich verwandelt — in dem grimmigen Pessimismus und Atheismus Schopenhauers — in dem Materialismus Feuerbachs und der Hegelschen Linken. Es sind nicht äußere Einflüsse, fremdgeistigen Ursprunges, die diese Wandlung hervorrufen, sondern es ist die innere Auflösung der romantischen, in ihrem weiteren Sinn auch die „Klassik" umfassenden, in ihrer engeren Bedeutung den ganzen Zeittypus zu überspitzter Konsequenz bringenden Weltbetrachtung, in die wir hier hineinblicken. So wie wir in der Geschichte des Kantianismus, in der Entwicklung Fichtes, Schillers, Schleiermachers in die innere Auflösung der Aufklärung hineinblicken. Der Geist ist nichts Starres und ewig sich Gleichbleibendes, er entwickelt sich und seine Entwicklung ist eine immerwährende Semstüberwindung. Endlich noch ein Wort zu der Idee der „Volksgemeinschaft", wie sie die Romantik vertritt. Daß das Individuum einem Volksganzen angehört, daß dieses Ganze selbst wieder gleichsam ein Individuum, ein geistiges, persönliches Wesen höherer Ordnung ist, wurde schon hervorgehoben. Diese Volksgemeinschaft aber realisiert sich in der Liebe der Volksgenossen zueinander, wie zur gemeinsamen Heimat und zur gemeinsamen Geschichte. Ohne diese liebe bleibt sie ein leeres Wort. Übrigens sollte nicht vergessen werden, daß sich gerade 83