Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Aufklärung, Romantik und Gegenwart
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 82 (sequence 10)
- Language
- German
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Ernst von Aster scheint uns in seiner Person in seltenem Maß realisiert und scheint ihm selbst in den Idealgestalten des apollinischen Griechentums einmal auf Erden Leben und sichtbare Form gewonnen zu haben. Dieser lichten Ruhe tritt gegenüber die ewige Sehnsucht der „Romantik", ihr Streben ins Unendliche, ihr bewußtes Auflösen des festen, klassischen Lebensstils in eine möglichst reiche Mannigfaltigkeit des Erlebens. Nicht der ruhende griechische Tempel, sondern der emporstrebende gothische Dom ist die Verkörperung ihres Form¬ und Lebensgefühls. Man denke, wie Goethe selbst diese Gegenüberstellung vollzieht in den Helenaszenen des zweiten Teils des Faust. Hier wird Faust- Goethe selbst zum Romantiker im engeren Sinn, ein bedeutungsvolles Zeichen dafür, wie nah ihm, dem rastlosen Wanderer, doch auch die romantische Sehnsucht nach dem Unendlichen lag und liegen mußte. Goethe ist selbst nicht der Olympier, als den wir ihn zu sehen gewohnt sind, er ist der Romantiker, der das Ziel seiner Sehnsucht, das ihn rastlos durch ein faustisch suchendes Leben treibt, in ein verlorenes Kindheitsparadies der Menschheit projiziert. Es gibt viele Brücken, die von der „Romantik" zur „Klassik" und umgekehrt führen, die beide als Kinder derselben Zeit erkennen lassen. Ich hebe nur einen noch hervor. Das erneuerte antike Ideal des „Kalokagathos", das Goethesche Ideal der „Persönlichkeit", das Schillersche der „schönen Seele", aber auch das echt romantische des Menschen, der sich selbst im Innersten getreu bei allem äußerlichen scheinbaren Wandel dem Zuge seines Herzens folgt, im Durchleben des Gefühls, sei es Lust oder Schmerz, bis zum letzten Grunde den Sinn des Lebens erblickt, sie haben alle dies gemeinsam, daß sie ethische und ästhetische Züge vermischen, das Leben zum Kunstwerk gestalten wollen. W7elch ein tiefer Gegensatz zur Moralphilosophie der Aufklärung, nicht zuletzt zu Kant! Und so wird auch bei Goethe genau so wie bei Schelling etwa das wissenschaftliche Erkennen und das künstliche Schauen und Gestalten verschmolzen, und es ist nur die letzte Konsequenz, wenn der Philosoph der Romantik s<Mechthin, eben Schelling, den Künstler, der als Philosoph die Welt in sich nachschafft, an die Spitze aller Geschöpfe stellt, die die Natur — die unbewußt schaffende Künstlerin — hervorgebracht hat Wieder sehen wir den Gegenpol zum Zeitalter der Wissenschaft, der mathematischen Methode, des Ideals der „praktischen Vernunft", der Aufklärung. Die Romantik im engeren Sinn zieht nur die letzte Konsequenz dieses Gegensatzes. Zugleich vollendet sich in ihrem Streben ins Grenzenlose und S2