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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 84

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Aufklärung, Romantik und Gegenwart
Date
1929-04-01
Page
84 (sequence 12)
Language
German
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Ernst von Aster bei den geistig bedeutendsten Vertretern der Romantik mit dem starken Gefühl und Interesse für den eigenen Volksgeist und seine Äußerungen eine nicht minder starke Einfühlungsfähigkeit in fremde Kulturen verband. Durch ihre Übersetzungen — ich erinnere nur an Schlegel — Tiecks Shakespeare — haben die Romantiker außerordentlich viel für die Befruchtung des eigenen Volkstums mit dem Geist und der Ideenwelt andrer Völker getan. Nichts lag ihnen ferner als die Borniertheit einer Auffassung, die nur die eigene Nation und ihre Leistungen gelten lassen will. Schlegel und Tieck schufen gewiß einen „deutschen Shakespeare", aber sie schufen ebensosehr auch ein geistiges Deutschland, in das ein Stück Shakespeareschen Geistes eingeschmolzen war. Und wie sie durchaus eine geistige Isolierung Deutschlands ablehnten, so schwebte ihnen schließlich eine geistige Einheit der Menschheit vor, freilich am ehesten in Gestalt einer Weltkirche. Die geschichtlichen Interessen aber und die Bedeutung der Geschichte, die sie für die Zeit gewonnen hat, führen dazu, daß unter den einigenden Momenten, die die Glieder desselben Volkes umschließen, neben der Sprache die Erinnerung an die großen Zeiten der gemeinsamen Geschichte an die erste Stelle rückt Ein spezifisches „Vaterlandserlebnis" tritt immer deutlicher hervor, je mehr sich das herausbildet, was wir heute in jenem engen Sinn des Wortes „Romantik" nennen, bei den Vertretern der romantischen Schule. Es ist das Vaterlandserlebnis, das die Sagen und Gestalten der Vergangenheit, von allem die Ritter und Kaiser wieder zum Leben erweckt, mit Ehrfurcht und Liebe die Erinnerung pflegt und mit Bewußtsein und Absicht diese Vergangenheit ins Legendäre steigert, Geschichte als Wissenschaft und andächtige Legende verschmilzt Niemand wird leugnen, daß wir diesem liebevollen Interesse der Romantiker an der deutschen Vergangenheit viel verdanken. Aber auch hier liegt eine Gefahr versteckt Als Folge der Freiheitskriege erträumte die Sehnsucht der Romantiker, wie ihrer ganzen Generation, ein einiges Volk der Deutschen. Die Wirklichkeit hielt nicht was die Hoffnung versprach, auch abgesehen von der Unerfüllbarkeit romantischer Sehnsüchte. Um so mehr sucht man Ersatz in der von der Phantasie verklärten Vergangenheit für das, was Gegenwart und Wirklichkeit versagen. Man schwärmt von der Zeit der Karolinger und Ottonen, man umgibt eine heroisierte Vergangenheit mit dem Kranz zugleich pietätvoller und stolzer Verehrung. Gefahrlich wird eine solche Einstellung, wenn sie, was schließlich unvermeidlich ist, die nüchterne Auffassung der gegenwärtigen Wirklichkeit und 84

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