Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Aufklärung, Romantik und Gegenwart
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 80 (sequence 8)
- Language
- German
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Ernst von Aster Idealismus" die deutsche Philosophie und Literatur eine Blütezeit erlebt — wie sollte sie nicht im Geist der Zeit und ihrer Ideenrichtung dichten und denken? Im übrigen gibt es auch eine französische Romantik und eine Abkehr vom Geist der Aufklärung in Frankreich — wenn er auch aus verstandlichen Gründen zum Teil stärker durch die Gegnerschaft gegen die Revolution und ihre Errungenschaften bestimmt ist. Und zwischen Hegel und Comte gibt es überraschende Parallelen in der Grundauffassung des Verhältnisses von Mensch und Geschichte, wenn auch bei dem einen der Nachhall der kantischen Kritik des. wissenschaftlichen Verstandes, beim andern der der Enzyklopädie zu spüren ist. Und an der zur reinen Spezialwissenschaft gewordenen Mathematik und Physik der Zeit (die bis zum heutigen Tage diesen spezialwissenschaftlichen, dem Verständnis der Allgemeinheit fern stehenden Charakter und diese Beziehungslosigkeit zur Philosophie behalten hat) arbeiten hervorragende deutsche wie französische Gelehrte. In gleicher, um den Ideenwechsel der Zeit unbekümmerter Methode, denn es führt ein gerader Weg von Leibniz über Gauß und Cauchy zu Einstein und Hilbert, Poincare und Russell. Auch darf nicht vergessen werden, daß die „Romantik" trotz der hier gezeichneten gemeinschaftlichen Züge doch für recht verschiedene Welt- und Lebensanschauungen Raum bot. Bald treten vitale Werte in den Vordergrund (man denke an Schlegels Lucinde), bald ist es der „Geist", der als „objektiver" und „absoluter" Geist hoch über die Subjektivität des Lebens sich erhebt, bald ist es die katholische Kirche (Baader), bald der Beamtenstaat, in dem das menschliche Zusammenleben seinen Gipfelpunkt erreicht; hier ist es ein dionysisches Griechentum (Hölderlin), dort eine christliche Mystik, in der man aufgehen will. Ist die Ideenwelt der Romantik „richtig", die der Aufklärung falsch — oder umgekehrt? Beides zu behaupten hätte keinen Sinn, keine beider Behauptungen wäre erweisbar. Jede hat ihre Vorzüge, ihre besondre Leistungsfähigkeit und ihre Gefahren, ihre Einseitigkeiten. Auf der einen Seite droht die Gefahr der Schematisierung, auf der andern die des Verschwimmens der Gedanken, der Unklarheit, des Überwiegens subjektiven Gefühls. Auf der einen Seite die Gefahr der Nivellierung, die Herabsetzung, auf der andern der Kultus des Irrationalen und Persönlichen. Auf der einen die Überschätzimg des Methodischen, auf der andern das Wuchern des Einfalls. Nun wurde hier der Begriff des Romantischen und der Romantik in einem absichtlich sehr weiten Sinn genommen — als Gegensatz zur Auf- 80