Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Aufklärung, Romantik und Gegenwart
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufklärung, Romantik und Gegenwart gesetzes tritt die Mannigfaltigkeit persönlicher Entwicklungsgesetze: Werde, der du bist Zugleich aber besteht eine Rangordnung der Wesen und jedes Wesen hat die Pflicht, sich dem höheren ein- und unterzuordnen. Auch die Romantik hat ihren Individualismus, aber er ist wesentlich verschieden von dem der Aufklarung: sie schätzt am Individuum nicht den Menschen, der jedem anderen Menschen im Grunde gleich ist, wie der Bruder dem Bruder, nicht kantisch gesprochen die „Menschheit im Menschen", sondern das Individuell-Eigenartige, Persönliche. Ein solch Personliches ist ihr auch das Volk mit seiner speziellen Sprache, Sitte, Kultur. Und mit der Eigenart der Persönlichkeit wie mit dem Entwicklungsgesetz, der Bestimmung, die sie in sich trägt, hängt wieder zusammen die Art, wie sie in das Ganze der Welt eingebaut, in Natur und Geschichte verwurzelt ist. Es gibt Menschen, in denen gleichsam der „Geist", die geistige Eigenart ihres Volkes, ihrer Zeit, ihrer Kultur zusammengefaßt Gestalt gewinnt, es gibt Menschen, deren Wurzeln von den Naturkräften her gespeist werden (Goethes „dämonische" Naturen), es gibt Menschen, wie die großen Persönlichkeiten der Geschichte, in denen, was die Zeit fordert, zum Motiv ihres Handelns wird (Hegel), die gleichsam die Werkzeuge der Geschichte sind. Denn in der Geschichte, auf die sich das Interesse mehr und mehr konzentriert, in der „Weltgeschichte", die mit der Natur anhebt und die in der Menschheits-, in der Kulturentwicklung gipfelt, spüren wir ein Zweckhaftes, sinnvolles Werden und Gestalten, eine einheitliche Führung, den einen Geist, sehen wir den Finger Gottes, um religiös zu sprechen. Den Zugang zum Sinn der Dinge, den Descartes, Spinoza, Leibniz, auch der jungem vorkritisiche Kant, in der mathematischen Naturerkenntnis, in dem hellen, harmonisch aufgebauten Kristall erblickten, — diesen Zugang zum Sinn der Dinge sucht die Romantik in der Geschichte und in dem aus dem Dunkel, dem Chaos, dem Unbewußten, durch den Gegensatz hindurch ans Licht sich ringenden Menschengeist, von dem ihr die Geschichte zu zeugen scheint. Wie erfassen wir endlich diesen Sinn der Geschichte, die allgemeinen, überindividuellen Wesenheiten und ihr inneres Wesensgesetz? Nicht zergliedernd, einzelne Tatsachen heraussondernd und in Relationszusammenhänge und Reihen ordnend, sondern intuitiv, ahnend, fühlend, in mehr oder minder klarer geistiger „Schau". Ist die Denkweise, deren Grundzüge hier skizziert wurden, etwas spezifisch Deutsches? Schon der Umstand, daß wir ihr Werden im Zusammenhang mit den Zeitumstanden so deutlich verfolgen können, spricht nachdrücklich dagegen. Richtig ist, daß in der Zeit der Romantik und des „deutschen 79