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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Aufklärung, Romantik und Gegenwart
Date
1929-04-01
Page
78 (sequence 6)
Language
German
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Ernst von Aster nirgends tritt das deutlicher zutage, als in der Ethik Kants: der Wert des Menschen liegt nur in dem Einen, das allen, ob begabt oder unbegabt, hoch oder niedrig, Handwerker oder König, erreichbar ist im guten Willen, in der Befolgung der für Alle gleichen Norm des Sittengesetzes. Die Verschiedenheiten der Menschen verschwinden vor dem einen Sittengesetz, dem sie alle unterstehen, wie die Verschiedenheiten der Staaten und Völker vor den überall gleichen Gesetzen eines menschlichen Zusammenlebens überhaupt. Durch Hume, Rousseau und Kant gerat zunächst der Glaube an die Alleinherrschaft des Aufklarungsideals ins Wanken. Letzte und höchste Fragen müssen dem Gefühl überlassen bleiben, sind durch zergliedernde Verstandesarbeit nicht zu lösen. Als freie Persönlichkeit hebt sich der Mensch aus der Sphäre der Naturnotwendigkeit. Das organische Leben scheint den Mitteln naturwissenschaftlicher Erklärung eine Grenze zu setzen. Kurz: die mathematisch-physikalischen Methoden scheinen nicht die Welt, und vor allem nicht den dem Menschen wichtigsten Teil der Welt zu fassen. Aber von dieser vorsichtig Grenzen ziehenden, kritischen Denkweise ist noch ein weiter Schritt bis zum positiven Gegenpol der Aufklärung, zur Ideenwelt und Methodenlehre der Romantik. Und doch geht die Entwicklung in rascher Folge vor sich, fast so schnell wie die politische Entwicklung. Worin äußert sich der Gegensatz? Dem Prinzip, daß alles Erkennen ein Zerlegen in Elemente, das Ganze eine Summe von Teilen, ein Gefüge von Elementen sei, tritt das andere entgegen, daß das Ganze stets mehr sei als die Summe der Teile, ein eigenes selbständiges Gebilde, daß das Ganze die Elemente bestimmt, nicht umgekehrt Zusammentritt von Elementen ist Schöpfung eines Neuen, auch „Entwicklung" ist eben nicht bloße „Auswicklung" eines „eingewickelt" schon Vorhandenen (wie etwa noch für Leibniz), sondern lebendige Neuschöpfung — wie das Gebiet des organischen Lebens, vor allem aber die geistige, die geschichtliche Entwicklung zeigt Die Ganzheiten, die Menschen nicht willkürlich schaffen, sondern in denen sie von Natur verbunden sind, wie Familie, Volk, Nation, sind einheitliche Gebilde, gleichsam geistige Wesen, Personen höherer Ordnung, die in Sprache, Recht, Sitte sich ihre, dem! Individuum als gegeben gegenübertretende Ausdrucksformen schaffen, im Staat eine äußere Organisation, eine Art Körper sich bilden. Jedes Wesen, höherer und niederer Individualität, hat sein eigenes Entwicklungsgesetz, sein eigenes Entwicklungsziel. An die Stelle des nivellierenden allgemeingültigen Sitten- 78

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