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Der Morgen · 1929-04-01 · Heft 1 (April 1929) · p. 77

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 1 (April 1929)
Article
Aufklärung, Romantik und Gegenwart
Date
1929-04-01
Page
77 (sequence 5)
Language
German
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Aufklärung, Romantik und Gegenwart ihrer Sitten, Gebräuche, Glaubenssätze, schließlich auch ihrer Sprachen und Dialekte (deren Ersetzbarkeit durch eine von der menschlichen Vernunft geschaffene allgemeine Begriffssprache noch Leibniz für durchaus möglich hält) bestenfalls ein notwendiges Übel, etwas zu Überwindendes zugunsten des großen Endziels: der einigen Menschheit. Für Herder sind die verschiedenen Völker und ihr in den Sprachen sich ausdrückender Geist gleichsam die verschiedenen Seiten, die verschiedenen Offenbarungen des einen göttlichen Geistes, in ihrer Harmonie, in der großen Symphonie, zu der sie, jede unter Erhaltung ihrer Eigenart, aber ergänzt durch die übrigen, zusammenklingen. Für Fichte wird die deutsche die lebendige Urnation, das Urvolk, dessen Untergang den Stillstand oder Rückgang der Kultur überhaupt bedeuten würde. Dabei darf allerdings nie übersehen werden, daß Fichte hier einen Idealbegriff und einen rein geistigen Begriff des „Deutschtums" zu Grunde legt. Nicht die Deutschen wie sie sind, nicht eine naturwissenschaftlich zu bestimmende Rasse oder Blutmischung ist gemeint, sondern die Träger einer bestimmten geistigen Tradition, die in der Sprache ihren Ausdruck findet, hat Fichte im Augegeistige, nicht Blutgemeinschaft schafft die Nation. Wenn heutige Propheten, die den Rückgang auf Fichte fordern und eine Neuromantik vertreten, zugleich die Lehre predigen, daß es Edelrassen und untergeordnete Rassen von Natur gäbe, und daß die Geschichte eine Art Rassenzuchtwahl im Kampf ums Dasein sei, so verquicken sie Fichte mit Gedanken, die seiner ganzen Zeit meilenfern liegen und die der darwinistisch und biologisch beeinflußten Weltanschauung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angehören. Die Philosophie der Aufklärungszeil, auch wo sie als Popularphilosophie die allgemeine Denkweise durchdringt, ist an Physik und Mathematik orientiert. Sie glaubt an die Möglichkeit, jeden Gegenstand durch die Zerlegung in seine letzten Elemente restlos zu erkennen, die Welt ist ihr also aus gleichartigen Elementen zusammengesetzt, sie hält fest an dem Gedanken der einen selben die Welt beherrschenden Naturnotwendigkeit. Angewandt auf Mensch und Gesellschaft bedeutet das, daß der Summe der im letzten Grunde gleichartigen menschlichen Individuen die Gesellschaft oder vielmehr der Staat als ein mehr oder minder kunstvolles Gefüge gegenübersteht, das Wirklichkeit nur als Inbegriff gesetzter Relationen zwischen den Individuen besitzt Es ist kein Grund einzusehen, daß dies Gefüge nicht alle Menschen umfassen sollte: die Gesellschaftsphüosophie der Aufklärung ist kosmopolitisch, wie sie individualistisch ist. Die Individuen sind gleich oder mindestens im tiefsten Grunde gleichwertig: 77

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